Wir sind umgezogen!

Sonntag, 10. August 2008

Fruchtbar vögeln im Chor

Gute Nachricht aus Großbritannien. Während sich die Westboro Baptist Church ein Scharmützel mit den kanadischen Behörden liefert und den Amerikanern eine Atempause von ihrem Schwachsinn gönnt, hat es ihre etwas gemäßigteren Kollegen in Übersee erwischt. Der Christian Congress for Traditional Values hat sich offenbar aufgelöst.

Zu den Anliegen der Gruppe gehörte es – wie der Name schon sagte – traditionelle, aus der Bibel interpretierte ewige Werte zum Maßstab für alle Menschen zu machen. So wurden Schwule als „dreckige Perverse“ bezeichnet und allen anderen Religionen die moralische Existenz abgesprochen. Der Chef der Truppe, Michael Reid, hat sich auch durch seine extrem originellen Ansichten zur Rollenteilung zwischen Mann und Frau ausgezeichnet:

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Du bist liberal!

Das Adjektiv „liberal“ wird von vielen Menschen usurpiert, um den eigenen Dafürhaltungen eine kecke, dem Zeitgeist genügende Legitimation zu verleihen. Die missbräuchliche Verwendung geht mitunter so weit, dass Gedankengut, das mit Liberalismus so wenig gemeinsam hat wie Ottfried Fischer mit Halle Berry, mit dem Liberalismus-Etikett bedacht wird. Völlig aus dem Kontext der Idee persönlicher Freiheit und deren Geschichte gerissen, ist das scheinbar harmlose Wörtchen „liberal“ nachgerade zum Modewort mutiert. Eltern, die ihre Kinder einfach mal machen lassen, sind demnach alleine deshalb liberal, weil sie eine „lockere“ Erziehung befürworten. Der neue russische Präsident Medwedejew ist liberal gesinnt, weil er sich in seinem Auftreten von seinem allzu nach strenger Autorität miefenden Vorgänger Putin unterscheidet, zumal er ja einen „liberalen“ Wirtschaftskurs vertritt - jedenfalls, solange russische Interessen davon profitieren. Wer nix gegen Ausländer oder Homosexuelle hat, gilt so manchem sowieso automatisch als "liberal". Und das sind nur drei der harmloseren Beispiele.

Bei derartigem Missbrauch hat das Liberal-Sein den konkreten Bezug zu dem Wertesystem, das auf dem Fundament der Freiheit des Einzelnen steht, verloren. Liberal ist nicht mehr, wer sich für Individualität und das heißt: gegen staatliche Bevormundung des Einzelnen stark macht; nicht, wer persönliche Freiheit als sich selbst genügender Wert und als Voraussetzung einer offenen Gesellschaft propagiert; und auch nicht, wer ungeteilte Toleranz, Offenheit, Meinungspluralismus und den Schutz von Minderheiten einfordert. Genauer: Es ist nicht mehr zwingend notwendig, sich dem Wert der Freiheit zu verschreiben, um als Liberaler zu gelten oder als solcher beschrieben zu werden. Der Etikettierung haftet vielmehr Beliebigkeit und Willkür an.

Nun lässt sich freilich nicht behaupten, dass wegen dieses begrifflichen Missbrauchs Menschen zu Tode kämen oder anderweitig Schaden nähmen. Was jedoch sehr wohl Schaden davonträgt, ist die liberale Idee selbst: In Zeiten, wo das Verständnis für die normative Grundlage eines auf Selbstverantwortung, Solidarität und gegenseitigem Respekt aufbauenden Gesellschaftssystems ohnehin nicht gerade tiefschürfend und weit verbreitet ist, wirkt jegliche Verwässerung des Adjektivs „liberal“ als weitere Verstärkung des Unverständnisses.

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