Wir sind umgezogen!

Samstag, 19. Januar 2008

Mistvolk im Weltbürgerkrieg

Vor ein paar Monaten saß ich in einer S-Bahn, die mich aus einer deutschen Großstadt in den eine gute Dreiviertelstunde entfernten Ort bringen sollte, in dem meine Eltern wohnen. Zwei oder drei Stationen, nachdem ich zugestiegen war, betraten eine junge Frau und ein junger Mann den Waggon, in dem ich saß, und nahmen auf der Doppelbank rechts von mir Platz. Er begann sofort, in einem Mischmasch aus Deutsch und Türkisch auf sie einzureden, erst noch verhältnismäßig zurückhaltend, dann immer lauter. Es fielen Beleidigungen wie „Flittchen“, „Schlampe“ und „Fotze“. Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass die beiden Geschwister waren und kein Pärchen, wie ich ursprünglich dachte. Seine Vorhaltung: Sie laufe herum „wie eine Nutte“ und lasse sich mit deutschen Männern ein. Ihre Reaktion: genervtes Schweigen, in schnellem Wechsel unterbrochen von energischem Widerspruch auf Türkisch, Platzwechseln und Telefonaten mit dem Handy. Die anfangs noch zahlreichen anderen Fahrgäste, die die Tiraden zwangsläufig mitanhören mussten, taten so, als ob sie nichts bemerkten, während sich umgekehrt der junge Mann bei der ausführlichen Beschimpfung seiner Schwester nicht daran störte, dass jeder seine Invektiven mitbekam.

Es zeichnete sich ab, dass das Ganze so schnell kein Ende finden würde. Und während der Zug ganz allmählich leerer wurde und ich noch überlegte, welche Art der Einmischung wohl die effektivste sein könnte – und ob sie der jungen Frau überhaupt zupass käme –, grölte ein ziemlich angetrunkener Deutscher, vielleicht Anfang dreißig und in zerschlissenen Klamotten, durchs Abteil: „Geht das auch leiser? Wir sind hier nicht auf dem Basar!“, bevor er einen kräftigen Schluck aus seiner Bierflasche nahm. Das war für das teuer gekleidete Ehepaar Mitte siebzig, das mir inzwischen gegenübersaß, offenbar das Signal, sich nicht mehr anzuschweigen, sondern sich über das Pärchen mit Migrationshintergrund zu unterhalten, zunächst untereinander. [...]

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