Wir sind umgezogen!

Montag, 26. November 2007

Hansestadt ohne Pietät

Schon wieder eine Auszeichnung für Tony Judt in Deutschland: Nachdem ihm bereits die Stadt Osnabrück vor knapp drei Monaten für sein „engagiertes Eintreten für Meinungsfreiheit, Multilateralismus und friedliche Konfliktlösung“ einen nach Erich Maria Remarque benannten Friedenspreis schenkte, bedenkt der Bremer Senat den New Yorker Professor für Europäische Studien am kommenden Freitag mit dem diesjährigen Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken. „In ihrer Begründung würdigte die Jury Tony Judt als eine Persönlichkeit, die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen auf vielfältige Weise engagiere“, heißt es in einer Presseerklärung: „als Historiker, der wisse, dass historische Ereignisse nicht ohne ihre vielfältigen Kontexte verstanden werden können, als politischer Denker, der seine Sicht auf die Geschehnisse der Zeit in die öffentliche Kontroverse einbringe, schließlich als politischer Essayist, der streitbarer Zeuge seiner Zeit sei.“ Und damit nicht genug: „Die Jury würdigt mit der Preisvergabe auch seinen Einsatz für ein besseres Verständnis Europas im amerikanischen Raum, ein Verständnis, das nicht von unüberbrückbaren Gegensätzen, sondern von einer streitbaren Auseinandersetzung über eine gemeinsame Gegenwart und Zukunft ausgeht.“

Was die Bremer Landesregierung da mit immerhin 7.500 Euro honoriert, lässt sich unter anderem in einem über tausend Seiten starken Wälzer nachlesen, den Judt (Foto) unlängst vorgelegt hat: Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Der Zweite Weltkrieg ist ihm darin eine allgemeine „Katastrophe, in die Europa sich gestürzt hatte“ und die irgendwie allerlei Opfer produziert habe, hüben wie drüben sozusagen. Wer will es da schon genauer wissen, zumal es von „den Vorstellungen einiger hochrangiger Nazis abgesehen“ im Krieg doch gar „nicht um die Juden“ gegangen sei – deren Vernichtung demzufolge offenbar so eine Art Kollateralschaden gewesen sein muss – und „die größten materiellen Zerstörungen“ darüber hinaus gar nicht von den Deutschen verursacht worden seien, sondern durch „die beispiellosen Luftangriffe der Westalliierten in den Jahren 1944 und 1945“ sowie den „unerbittlichen Vormarsch der Roten Armee nach Westen“. Ursache und Wirkung werden dabei völlig verdreht oder unkenntlich gemacht, und zum Schluss haben eben alle irgendwo „Kriegsverbrechen“ begangen. [...]

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