Wir sind umgezogen!

Dienstag, 28. August 2007

Ästhetizistische Parallelwelten

Gastbeitrag von Clemens Heni

K.H.Bohrers Kritik am Islam ist keine – er möchte wieder ein stolzes Deutschland

Karl Heinz Bohrer, Avantgardist eines ästhetizistischen Deutschtums nach Auschwitz, ist gegen den Islamismus. Schön. Das sind nur wenige. Doch ist er wirklich ein Kritiker dieses ersten massenmäßigen, nun weniger braunen als vielmehr grünen Faschismus seit 1945? Bohrer bemängelt, es fehlt u.a. in Deutschland an Ritualen für gefallene Soldaten, an Geschmack in England, hingegen gebe es zuviel Konsum und zu wenig Ehre in Germany. Da die Theo-van-Gogh-Gesellschaft in einem ihrer jüngsten elektronischen Rundbriefe einen Text Bohrers verbreitete - »Kein Wille zur Macht« - , welcher in der Jubiläumsnummer 700 des von Bohrer mitherausgegebenen Merkur erschien, sei gezeigt, was an Bohrer zu kritisieren ist.
Dekadenz habe sich in Europa ausgebreitet. In deutschen Kleinstädten würden die Leute im Schlafanzug Brötchen einkaufen, weil sie wüssten, dass sie ästhetisch nichts zu verlieren hätten. Er poltert in Anlehnung – ob zurecht oder nicht – an Nietzsche gegen die »jüdisch-christlichen Moral« los. Das passt, denn Bohrers praeceptor Germaniae, der beliebte nekrophile Antisemit und Käferaufspießer Ernst Jünger, hat so seine antimonotheistischen Ressentiments verpackt, Walser sekundierte ihn. Bohrer hat eine abgrundtiefe Abscheu vor fehlendem Militär, er sucht nach Stolz und vermisst Ehre, Zucht und ›Manneskraft‹, wenn er sich über britische Soldaten erhebt, die in iranischer Gefangenschaft Todesangst hatten und später der Presse erzählten, das sie weinten. ›Heulsusen raus‹, schmettert Bohrer. Privates sei nicht politisch.

Er derealisiert, was Deutschland im Nationalsozialismus war, wenn er postuliert, dass nach 1945 ein Pazifismus um sich gegriffen habe, der sich »wie eines Hasen Versicherung gegenüber dem Löwen anhörte: ›Ich will dich auch nie wieder beißen.‹« Demnach waren die Deutschen im NS arme Hasen, denen mächtig das Fell über die Ohren gezogen wurde und die hiernach im Staube kriechen.

Zwar ist die Antikriegshetze in Deutschland seit dem Irak-Krieg in der Tat heftig, doch Bohrers Analyse ist so schief wie seine Motivation. Er lebt in einer Parallelwelt, die gar nicht mehr mitbekommt, was passiert. Wieso? Bohrer sieht nicht, dass Deutschland seit 1989/90 weltpolitisch ungeheuer aufgerüstet hat, dass ein Nationalismus mit allerbestem Gefühl um sich greift und während der Fußball-WM 2006 nie geahnte Ausbrüche schwarzrotgoldenen Wahnsinns zeitigte. Ihm ist das immer noch zu wenig Deutschland. Es fließt ja kein Blut. Bohrer steht für eine konservativ-gegenaufklärerische, antiutopische Richtung deutscher Ideologen, die, obschon ziemlich alt, es noch mal wissen will. Die großen Zeiten des 11. oder 12. Jahrhunderts, oder auch später, selbst Bismarck, werden bemüht als deutsche Zeiten, die zu erinnern Pflicht sei. So als ob in der Bundesrepublik die Befassung mit dem Holocaust zentral wäre, redet Bohrer wie sein Kollege Walser, den er sowohl 1998 als auch 2002 aggressiv vor jedwedem Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nahm. Geschichtsvergessen seien die Deutschen. Opfer der »Intellektuellen«. Damit ist das Lieblingsthema der Gegenaufklärung angesprochen. Unter ganz gezielter Bezugnahme auf Niklas Luhmann möchte Bohrer Habermas eins auswischen und brüllen: Ohne Macht ist Politik Quatsch! Ohne Wille keine Macht. Er ist ein Wagnerianer, dem es um die Sache selbst geht. Welche Sache? Stil. Haltung. Ästhetik. Uniform statt Schlafanzug. Munition statt Konsum.

Bohrer ist ein denkbar schlechter Anwalt im Kampf gegen den Terror. Der War on Terror jedoch ist viel zu wichtig, als ihn Leuten wie ihm zu überlassen. Weder Antiamerikanismus, politische Religion, noch Antisemitismus sind ihm das Problem. Wie auch? Ein Freund Ernst Jüngers hat doch kein Problem mit Judenhass. Und mit seiner Habilitationsschrift über Ernst Jünger 1978 wurde Bohrer zu dem, der er heute ist: ein auf Fragen des Stils, der Form zentrierter Altdeutscher, der Auschwitz mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, einordnen möchte in eine ganz lange Geschichte von Tiefen und vor allem Höhen deutschen Geistes. Problemlos ließ sich nach dem Zivilisationsbruch – der natürlich gar nicht als solcher ins Bewusstein rückt – weitermachen, vorausgesetzt ›wir Deutschen‹ erinnerten uns ›unserer‹ Geschichte in all ihren Facetten. Das ist das alte Thema der Konservativen, Reaktionären und sehr wohl auch Linken seit den 1970er Jahren. Als Habermas 1979 die beiden Bände »Stichworte zur geistigen Situation der Zeit« edierte war auch Bohrer als Autor dabei und Walser raunte von den »nationalen Aufgaben«, denen wir uns wieder zuwenden könnten, wenn »wir Auschwitz bewältigen könnten«. Bohrer hat keinen Begriff von Ideologie oder von politischer Kultur. Er ist ein weltgereister, aber national bornierter Gegenintellektueller. Demnach möchte er nicht Mythen und Traditionen zerschlagen, wie es Krakauer für den Begriff des Intellektuellen festhielt. Bohrer möchte wieder mehr nationale Rituale, Mythos und Macht zelebriert sehen. Das mag psychoanalytisch unschwer als Reminiszenz angesehen werden, immerhin ist Bohrer Jahrgang 1932. Doch das entschuldigt nichts. Objektiv steht Bohrer heute offenbar auf Seite der Gegner der Judenfeinde aus Iran, Ryad, den Bergen am Hindukusch oder Gaza-Stadt. Doch subjektiv geht es ihm überhaupt nicht um Juden oder Amerikaner als Opfer des Djihad. Es geht ihm um Deutschland als Staat. Sein Lamento der überall ersichtlichen Dekadenz ist so alt wie langweilig. Es mag nicht dekadent sein, nach Bayreuth zu den Wagner-Festspielen zu gehen, verglichen mit einer Shoppingtour der Spice-girls im Londoner East-end. Es ist aber objektiv ekelhafter, macht keinen Spaß und protegiert vor allem bis auf den heutigen Tag einen der wirkungsvollsten Judenfeinde, welchen die moderne Opernszene seit dem 19. Jahrhundert kennt.

Seit Jahrzehnten arbeitet Bohrer daran Deutschland wieder gut zu machen, zu rehabilitieren, zu posaunen, der Nationalsozialismus sei höchstens eine kleine Facette in einer ganz großen Nationalgeschichte. Jetzt sieht er im Kampf gegen Islamismus und Terror eine Chance Deutschland zu remilitarisieren und die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen endgültig ad acta zu legen.

Der Kampf gegen Antisemitismus und die Erinnerung an die Shoah haben Bohrer noch nie stark bewegt. Der Hass auf Israel und den Westen durch den Djihadismus, aber auch linke Globalisierungsgegner all over the world gereichen ihm zur Steilvorlage sein deutsches Spiel zu treiben. Das wird nicht klappen. Denn er lebt in einer Parallelwelt. Das heutige Deutschland ist bereits mega stolz und national. Deutsch-sein heute heißt die lingua franca Europas zu sprechen, antiamerikanisch und antizionistisch. Im Verbund mit alten Erinnerungsverweigerern wie Bohrer nun zu agitieren, wie es auch die Theo-van-Gogh-Gesellschaft tut, welche sich sehr bemüht den Kampf gegen den Islamismus zu verbreitern, was wichtig ist, ist unüberlegt, voreilig und kontraproduktiv. Bohrer war gegen die Wehrmachtsausstellung, hat jede nationale Welle seit dem Hitler Film in den 1970er Jahren mitgemacht und noch die letzte von 2006 mit Matussek vom Spiegel oder Fuhr von der Welt war ihm nicht hoch genug. Er hat Ernst Jünger salonfähig gemacht und Martin Walser verteidigt. Das sind die denkbar schlechtesten Voraussetzungen um jemals gegen Judenfeindschaft aktiv zu werden. Für Bohrer ist der War on Terror ein Problem europäischer Dekadenz. Universelle Werte wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte aller Art und vor allem der normativ zu führende Kampf gegen djihadistische Ideologie sind ihm Fremdwörter. Er findet es verwerflich wenn Leute dumm-blöd und nonstop TV glotzen, sich voll fressen und peinliche Klamotten kaufen. Das ist sein gutes Recht. Nur mit dem Kampf gegen den Islamismus hat das gar nichts zu tun. Mit einem deutsch-nationalen Revival, das vor 1933 zurückgehen möchte, und Geschichte national neu interpretieren möchte, allerdings. Und das ist das Problem.

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