Wir sind umgezogen!

Freitag, 24. August 2007

Kultur und Fortschritt

Die Geschichte hat in Jahrhunderten weltweiter Migration gleichsam ein Experiment durchgeführt, um den Beweis dafür zu liefern, daß Menschen gleicher Kultur in ganz unterschiedlichen Ländern ähnlich erfolgreich waren und daß Menschen unterschiedlicher Kulturen in demselben Land, unter denselben äußeren Bedingungen und bei gleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht gleich reagieren und reüssieren. Was sie mitbrachten, waren nicht das Klima und die geographische Beschaffenheit ihrer Herkunftsländer noch deren Politik und Wirtschaftssystem, sondern ihre Kultur.


behauptet Siegfried Kohlhammer in einem bemerkenswerten Beitrag auf "eurozine". Die These, daß Kultur ein wichtiger Faktor bei der Integration von Einwanderern ist, bei ihrem wirtschaftlichen Erfolg oder Mißerfolg und bei der wirtschaftlichen wie politischen Entwicklung der Nationen, scheint ein plausibler und empirisch ausreichend belegter Gedanke zu sein. Kohlhammer legt plausibel dar, dass Diskriminierung als Erklärung für gescheiterte Integration in den meisten Fällen aussscheidet, denn diesen stehen bei vergleichbaren Ausgangsbedingungen ebensoviele oder sogar mehr Fälle gelungener Integration gegenüber. Da Rasse ein ideologisches und kein wissenschaftliches Konstrukt ist, so schlussfolgert Kohlhammer, muss es die kulturelle Herkunft sein, die den massgeblichen Faktor für gesellschaftlichen Erfolg oder Misserfolg von Einwanderern darstellt.

Ich kann verstehen, wenn man sich gegen diese These sträubt, denn die meisten Menschen denken bei Kultur doch wohl eher an sehr konkrete Dinge wie Musik, Kunst und Küche. Ersetzt man aber den Begriff Kultur durch “Werte”, dann wird deutlich, was Kohlhammer meint und man kommt nicht kaum umhin, ihm zuzustimmen. Beispiele gibt es zur Genüge. Der Integrationsprozess der dritten Generation türkischstämmiger Deutscher z.B. verläuft alles andere als konvergent. Für viele ihrer Angehörigen gilt:

Abgeschnitten von den Quellen der eigenen Kultur, sprechen sie Türkisch oft ebenso schlecht wie Deutsch. Ganze Häuserblocks in der Umgebung der Nürtingenschule [in Berlin-Kreuzberg – MiK] kennen ausschliesslich die Provinzdialekte von Samsun oder Denizli, und selbst diese klingen bei ihnen, als hacke einer Holz mit dem Spaten. Aus “kalörifer” (Heizung) wird “kalifer”, an die Stelle von “iş ve işçi bulma kurumu” (Arbeitsamt) tritt die lexikalische Neuschöpfung Arbizamt. Schwierigere Dinge, etwa Liebesgeständnisse, versuchen türkische Teenager lieber gleich mit dem bisschen Deutsch, das sie aufgeschnappt haben.


Das schrieb die FAZ vor nunmehr neun Jahren. Dass dieser Zustand, der keineswegs nur Einwanderer mit muslimischem Hintergrund betrifft, keineswegs der ablehnenden Haltung seitens der autochthonen Mehrheitsgesellschaft geschuldet ist, zeigt die Tatsache, dass in Berlin Lehrer zu berichten wissen, dass Einwanderer aus Russland und Asien die schnellsten Lernerfolge erzielen, während solche aus afrikanischen und arabischen ländern deutlich mehr Schwierigkeiten haben. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in Grossbritannien. Besondere Schwierigkeiten haben aber auch italienische Kinder in Deutschland: Nur 14%, so heisst es aus der italienischen Botschaft, besuchten ein Gymnasium, fast 50% gehen auf die Hauptschule, die meisten verlassen sie ohne Abschluss.

Die Erklärung dafür, warum manche Gruppen sich besser, andere sich schlechter integrieren, kann also unmöglich allein das Umfeld sein. Will man nicht an den Zufall glauben, dann muss man die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass die Werte der eigenen Herkunftsgesellschaft gewisse Verhaltensweisen von Individuen begünstigen, während sie andere hemmen. Deswegen habe ich auch nie verstehen können, wie der von mir an sich so geschätzte Ökonom Joseph Schumpeter hat glauben können, dass der “Geist des rationalistischen Individualismus” ein Erzeugnis des aufsteigenden Kapitalismus sein soll – und nicht etwa umgekehrt. Wie jedoch kommt es dann, fragt Kohlhammer, “dass der Kulturalismus – so wird diese These von ihren Gegnern genannt – einerseits so lange vernachlässigt wurde und andererseits so polemisch kritisiert wird?”

Die Frage ist berechtigt, aber die implizit geäusserte Annahme, dass die Gegnerschaft sich selber keiner kulturalistischen Erklärungsmuster bedient, stimmt nicht. Dafür lassen sich mehrere Beispiele anführen, u.a. der nicht nur von Linksintellektuellen so geschätzte Theodor W. Adorno, der sich gegen eine Gleichmacherei der Menschen wandte und stattdessen die “Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen” bevorzugte: “Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an” heisst es in den Minima Moralia. Adorno war zwar kein Rassist, glaubte aber, dass Schwarze kulturell bedingt für den “Industriekapitalismus” nicht geschaffen sein, weswegen er auch auch den amerikanischen “melting pot” ablehnte, in dem er nichts als ein Instrument sah, Menschen unterschiedlicher Kultur für die bessere Verfügbarkeit durch den Kapitalismus zu nivellieren: “Der Gedanke, in ihn hineinzugeraten, beschwört den Martertod, nicht die Demokratie.” Hierin drückt sich ein typischer Wesenszug von Linksintellektuellen aus: Der Paternalismus.

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