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Sonntag, 1. Juli 2007

Warum wir den Kapitalismus lieben sollten

Gerald Braunberger versucht heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Frage zu beantworten, "warum wir den Kapitalismus nicht mögen". Tatsächlich stellt der Autor völlig zurecht nur die Frage nach dem "warum", und nicht etwa die fundamentalere Frage, ob die Deutschen ihn überhaupt mögen oder nicht. Wer sich die politische Landschaft in Deutschland ansieht, braucht noch nicht einmal differenzierte Meinungsumfragen, um zu erkennen, dass die Deutschen den Kapitalismus wohl kaum mögen. In Deutschland findet man eine Unzahl von marxistischen Sekten, aber keine Partei, die offen für einen unverfälschten Kapitalismus eintreten würde. Wenn es auch so ist, dass die Deutschen den Kapitalismus nicht mögen, so läßt sich andererseits doch auch behaupten, dass sie ihn zumindest "akzeptieren", worauf Braunberger verweist. Sie akzeptieren ihn, weil sie ihn für praktisch halten, und sie mögen ihn nicht, weil sie ihn für unmoralisch halten. Diese ambivalente Haltung ist kein neues Phänomen: der Sozialwissenschafter Werner Sombart äußert sie schon vor rund 100 Jahren in seinem Buch "Der moderne Kapitalismus". Dieser Glaube führt schließlich auf der politischen Ebene zu einem Art von gemischtem System, der den Kapitalismus mit einem ausgeprägtem Wohlfahrts- und Interventionsstaat verquickt. Tatsächlich sollten die Deutschen den Kapitalismus allerdings lieben, weil er eben nicht nur unbestreitbar praktisch ist, sondern auch, weil er unbestreitbar moralisch ist. Aber dies würde ein kulturelle Revolution bedeuten, und eine kulturelle Revolution ist undenkbar ohne entsprechende Intellektuelle, die solche Ideen propagieren. Dem Kapitalismus mangelt es an Verteidigern, was durchaus verblüffend ist, denn die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte seiner Erfolge. Eine ganz vorzügliche Verteidigung des Kapitalismus ist Andrew Bernstein mit seinem Buch The Capitalist Manifesto gelungen. Bernstein beginnt sein Buch mit einer Beschreibung der "großen Lücke" zwischen den Fakten über die Natur und die Geschichte des Kapitalismus auf der einen Seite, und der Bewertung dieser Fakten durch "progressive" Autoren und den Millionen, die unter ihrem Einfluss stehen. Kein denkender Mensch kann sich der Tatsache entziehen, dass der Kapitalismus Freiheit und Reichtum nach sich zieht, wohingegen etatistische Regime Unfreiheit und Armut produzieren. In diesen Tagen läßt sich dies wieder ausdrucksvoll in Simbabwe und Venezuela beobachten. Warum erkennen dies die Kritiker des Kapitalismus nicht? Bernstein schreibt, dass zumindest die gebildeten Kritiker die Fakten schon kennen würden, aber sie sich trotzdem nicht beeindrucken lassen würden. Bestimmte moralische und philosophische Theorien, an die sie entgegen aller Fakten nach wie vor glauben, halten sie davon ab, die moralische und praktische Überlegenheit des Kapitalismus anzuerkennen. Schließlich beruht der Kapitalismus auf einem egoistischen Moralkodex, der jede Form von Aufopferung ausschließt, und eben diesen moralischen Egoismus, der den Menschen ermöglicht, nach ihrem eigenen Glück zu streben, lehnen die intellektuellen Anhänger von altruistischen Gedankensystemen vehement ab. Aus der beschriebenen Ethik leitet sich eine ganz bestimmte Art von politischen System ab, das auf der Anerkennung der Individualrechte basiert, mit einer Regierung, deren einziger Zweck es ist, diese Rechte zu verteidigen. Auch dieses politische Systme lehnen die Kritiker des Kapitalismus ab. Die Individualrechte, die der Kapitalismus verteidigt, bestehen aus dem Recht, seinem eigenen Urteil entsprechend handeln zu können, unter Beachtung der Rechte anderer Personen, die nicht verletzt werden dürfen. Die Quelle dieser Rechte sind nicht übernatürliche Fantasien oder soziale Konventionen, sondern ihr Ursprung liegt im Gesetz der Identität, wie Ayn Rand es so eloquent in ihrem Roman Atlas Shrugged formulierte: “A gleich A - und Mensch ist Mensch. Rechte sind Existenzbedingungen, gefordert durch die Natur des Menschen zum Zwecke seines eigenen Überlebens.” Als potenzielle Rechtsverletzer kommen Privatpersonen in Frage, die als Kriminelle gegen das Eigentum, das Leben und die Gesundheit von rechtstreuen Bürgern vorgehen, aber vor allem die eigene Regierung, die das Gewaltmonopol innerhalb eines bestimmten geographischen Raumes innehat: “Eine diktatorische Regierung ist eine weitaus schlimmere Bedrohung für die Menschen als ein gewöhnlicher Krimineller.” Aus der Verpflichtung der Regierung, die Individualrechte zu schützen, ergibt sich zum Beispiel auch die Notwendigkeit, die militärische Verteidigung eines Landes ausschließlich mit Freiwilligen zu organisieren, ohne die Anwendung einer Wehrpflicht. Auch darf es nicht Aufgabe der Regierung sein, erwachsene Personen von Handlungen abzuhalten, die irrational oder selbstzerstörerisch sein können, die aber keine Anwendung von Gewalt gegen andere Personen implizieren. Nur durch die direkte Anwendung physischer Gewalt oder indirekt in der Form von Betrug können Menschen davon abgehalten werden, ihrem eigenen Urteil im Streben nach ihrem persönlichen Glück zu folgen. Der Kapitalismus erfordert deshalb als ein moralisches Prinzip ein umfassendes Verbot der Initierung von Gewalt. Ein solches System der konsequenten Verteidigung der Individualrechte, stellt Bernstein fest, hat es in der Geschichte bisher nicht gegeben. Es waren die Nordstaaten des USA am Ende des 19. Jahrhunderts, die diesem Ideal bisher am nähsten gekommen sind (Bernstein erwähnt nicht explizit, weshalb die Südstaaten diesem Ideal nicht annähernd entsprechen konnten, wie es etwa Ayn Rand 1977 im Ford Hall Forum tat: “Der Süden war nie ein Beispiel für Kapitalismus; er war eine landwirtschaftliche, feudale Gesellschaft.”).
Es ist zentral für ein richtiges Verständnis des Kapitalismus” schreibt Bernstein, “dass seine philosophische Essenz unterschieden wird von den mangelhaften historischen Versuchen, sie zu implementieren.” Ein damit zusammenhängendes Missverständnis besteht aus dem Versuch, aus dem Verhalten von individuellen Kapitalisten die Natur des Kapitalismus abzuleiten. Ebenso falsch wäre es, aus den mörderischen Aktivitäten von Diktatoren wie Hitler oder Stalin auf die Natur von Staaten zu schließen (Hitler und Stalin repräsentieren die Natur des Etatismus). Weder die Geschichte des Kapitalismus noch die Handlungen der Kapitalisten vermögen die fundamentale Natur des Systems zu verändern: kein Konsensus unter den Unternehmern könnte zum Beispiel etwas an der Natur von Zöllen ändern. Bernstein prägt für diese Versuche der Vermischung von historischen Fakten mit der Essenz des Kapitalismus den Begriff “empiristischer Fehler”. Und die Natur des Kapitalismus ist moralisch, und aus dieser Moralität erwächst seine praktische Überlegenheit gegenüber allen anderen Gesellschaftssystemen: “Der Kapitalismus schätzt das unveräußerliche Recht des Individuums auf sein Leben, und ist deshalb das einzig moralische System. Weil er die Rechte und den Geist von allen Individuen respektiert, kann er einen gewaltigen Reichtum schaffen, und ist deshalb das einzig praktische System.”

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