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Mittwoch, 25. Juli 2007

Scheinheiliger Spiegel

Das große Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", vor einigen Dekaden noch als "Sturmgeschütz der Demokratie" bekannt, demonstriert mit einem online verfügbaren Artikel aus der aktuellen Ausgabe, wie peinlich man heucheln kann. Im Text "Botschafter wider Willen" berichtet Jan Friedmann darüber, wie amerikanische Gaststudenten in Deutschland von ihren Kommilitonen behandelt werden. Erstaunlich unaufgeregt wird beschrieben, welche Facetten des Fremdenhasses im Alltag auf die Studenten einprasseln, von Schulmassakern bis zum unvermeidlichen Teufelspräsidenten wird nichts ausgelassen. Die Wörter Fremdenhass oder Ausländerfeindlichkeit kommen in Friedmanns Text aber nicht vor, beides scheint nur dann vorzuliegen, wenn das Opfer eine andere Hautfarbe und der Täter eine Glatze hat. Statt Fremdenhass handele es sich nur um "Ressentiments, die je nach außenpolitischer Lage Konjunktur haben", also Vorurteile die irgendwie doch eine rationale Grundlage haben - so sieht das jedenfalls der feine Herr Professor Engler, Rektor Maximus Optimus der Uni Tübingen.

Der Mann ist ein tolles Beispiel dafür, dass wohlklingende Titel nichts über die intellektuellen Fähigkeiten ihres Trägers aussagen. Man stelle sich vor, was die Unileitung täte, wenn plötzlich heraus käme, dass türkische oder chinesische Studenten wegen ihrer Regierungen systematisch durch Kommilitonen gemobbt würden, der werte Herr Rektor hätte wahrscheinlich sofort zum entschlossenen Kampf gegen Rechts aufgerufen. Aber die Amis sollen damit zurechtkommen und wenn ein echter Professor sagt, sie seien nur wegen der "außenpolitischen Lage" auf einer ideologischen Abschussliste, dann wird das schon stimmen.

Engler hat aber noch mehr auf Lager, er wertet die "Erfahrungen mancher US-Gaststudenten [...] als lehrreiche 'Initial-Irritation'". Mit anderen Worten: Die Amis sollen erstmal sehen, wo der doitsche Hammer hängt - wenn sie schon hier studieren wollen, dann wird ihnen auch eine wirkliche Lehre erteilt.
"Es gebe eben in Europa und den USA eine unterschiedliche Kultur des Sprechens über Politik: Während jenseits des Atlantiks Politik und Religion als Privatangelegenheiten behandelt würden, gehörten hier Politisieren und kritisches Nachfragen dazu. 'Wir müssen unseren Gästen klarmachen, dass die Frage nach der politischen Gesinnung nicht als Angriff gewertet werden darf.'"
Rektor Engler ist "Amerikanist" und verzapft dennoch solchen Unsinn, aber als Direktor seines akademischen Zirkus genießt er Narrenfreiheit. Diese angeblichen kulturellen Unterschiede sind eine dreiste Ablenkung vom eigentlichen Thema, die Behauptung, der Amerikaner "an sich" würde weder politisieren, noch "kritisch Nachfragen" ist eine unglaubliche Dummheit. Und dass höhnische Bemerkungen zu einem Schulmassaker weder das eine noch das andere sind, sollte sogar ein Herr Engler begreifen. Der werte Herr Professor hat aber ganz anderes im Sinn, denn mit diesem Kommentar stellt er sich auf dieselbe Stufe wie die mobbenden Kommilitonen der Gaststudenten. Nur kann er seine Ressentiments mit der Autorität seines Titels so erklären, dass es im gutmenschlichen Milieu auch richtig ankommt, schließlich will er mit seinen "Initial-Irritationen" den "Gästen" etwas klar machen: Der Ami hat im alten Europa die Frage nach seiner "Gesinnung" hinzunehmen, denn es ist ihm moralisch überlegen. Andrei Markovits liegt völlig richtig, wenn er sagt, dass der "Antiamerikanismus das einzige Vorurteil in Deutschland ist, das mit sozialem Status und höherer Bildung noch zunimmt".

Besonders schön ist und bleibt aber die Tatsache, dass Spiegel Online, Wurmfortsatz des Spiegels, mit Marc Pitzke selber einen solchen Antiamerikaner beschäftigt, der den Uni-Mobbern die Munition gegen die amerikanischen Gaststudenten liefert. Man darf gespannt sein, ob ein deutscher Student in den USA auf diese Scheinheiligkeit angesprochen wird.

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