Wir sind umgezogen!

Montag, 9. Juli 2007

Gott unterrichtet Bio

Der schulische Religionsunterricht ist mir als eine sehr zwiespältige Angelegenheit im Gedächtnis geblieben. In der Grundschule ging es größtenteils um die Geschichten des alten und neuen Testaments, nicht nur für Kinder durchaus interessante Themen wie Ostern, Weihnachten oder Moses im Schilf und die Flucht aus Ägypten wurden behandelt - Themen, bei denen viele Erwachsene heute schon passen müssen. Aber auch die ersten großen Gewissenskonflikte meines Lebens fanden hier statt, als ich zum Beispiel an der Hausaufgabe saß, ein Bild von Gott zu malen, obwohl ich aus meiner Kinderbibel wusste, das die zehn Gebote das verbieten. Meine Lösung bestand damals in einer Wolke mit einer Art Heiligenschein - dahinter konnte dann alles mögliche stecken.

In meiner späteren Schulzeit hatte ich dann drei unterschiedliche Religionslehrer: Einen katholischen (der evangelische Kurs war voll), der von mir verlangte, am Beginn der Stunde vorzubeten, was mich in den "Werte und Normen"-Kurs trieb, wo man sich mehr mit philosophischen Problemen beschäftigte. Die nächste Lehrerin verfolgte eher einen historischen Ansatz und behandelte die Entwicklung der biblischen Texte und die Entstehung verschiedener Gebetsformen. Das war dann aber auch schon der Höhepunkt der geistigen Anforderungen des Fachs Religion, denn in den letzten zwei Schuljahren wurde mir von wieder einer anderen Pädagogin das pure Dogma vorgekaut. Der Begriff des "Reichs Gottes" wurde stur anhand diverser evangelischer Theoretiker abgearbeitet, das Nachfragen war vor allem bei einer Gruppe höchst gläubiger und eifriger Kirchentagsfans verpönt und wurde mit genervten Stöhnen quittiert. Der Vorteil war, dass man durch Auswendiglernen relativ leicht eine gute Zensur bekommen konnte, weshalb ich die einige Male von der genannten Gruppe geäußerte Empfehlung, doch zu "Werte und Normen" zu wechseln, ausschlug.

Bei allem Ärger mit diesem Fach war es immer eine Selbstverständlichkeit, dass man zum Religionsunterricht nicht gezwungen werden kann. Orthodoxe, Evangelische und Katholische Christen und Muslime konnten ihren eigenen Unterricht besuchen, wer nichts davon wollte, konnte sich in "Werte und Normen" langweilen. Dieses Modell kann man schlecht als optimal bezeichnen, aber zumindest konnte so niemand gezwungen werden, über Dinge belehrt zu werden, die er für völligen Unsinn hält. Dieses Minimum an persönlicher Freiheit für Schüler soll nun aber ins Wanken geraten, indem man den christlichen Religionsunterricht quasi Fächerübergreifend anbietet. Deutsche Proto-Kreationisten arbeiten daran, dass auch im Biologieunterricht der liebe Gott mit seinen Wundertaten eine Rolle spielt.

Die hessische Kultusministerin Wolff, selber Religionslehrerin und zuletzt auch Covergirl der Bildzeitung, will die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnisse in Zukunft mit dem Verweis auf die biblische Schöpfungsgeschichte ergänzen. Im Landtag berief sich die Ministerin auf das hessische Schulgesetz, das "ein fächerübergreifendes Lernen" vorsehe, man müsse den Schülern die Möglichkeit geben, "zwischen der naturwissenschaftlichen und der theologischen Erklärung der Welt zu vergleichen". Die Ministerin, CDU-Fraktionschef Wagner und sogar Jörg-Uwe Hahn, der Vorsitzende der FDP-Fraktion im hessischen Landtag sind der Meinung, es sei kein Problem, Zwölftklässlern im Biounterricht die Bibel auf den Tisch zu knallen. Auch Ministerpräsident Koch scheint keine anderen Probleme zu haben, als in seinen Augen scheinbar völlig verwirrte Achtzehnjährige "naturwissenschaftliche und weltanschauliche oder religiöse Erklärungen der Welt vergleichen" zu lassen.

Was sich so schön vernünftig anhört, ist völliger Mumpitz. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Beweiskraft eines in vielen Jahrhunderten immer wieder redigierten Buches und diverser wissenschaftlicher Methoden. Vielmehr geht es um eine völlig unangemessene Vermischung von Religion und Wissenschaft, die für Grundschüler, die (noch) nicht betroffen sind, noch nicht erkennbar ist und für Schüler der Oberstufe lächerlich erscheinen muss. Die Damen und Herren von der Lehraufsicht scheinen der Meinung zu sein, dass achtzehnjährige Erwachsene bei der Entwicklung ihres Weltverständnisses tatsächlich noch auf Lehrer angewiesen sind. Sie glauben, dass ein Erwachsener nicht selber entscheiden kann, was er glaubt und was nicht. Dabei hat man, wenn man in die zwölfte Klasse kommt, elf Jahre Religions- und Biologieunterricht hinter sich, sollte also fähig sein, für sich selber zu entscheiden, was man glauben oder wissen möchte.

Völlig unklar ist auch, welche Lehrer diesen Unterricht übernehmen sollen. Müssen Religionslehrer zukünftig das Periodensystem und Biologielehrer den Katechismus parat haben? Was ist mit den Schöpfungstheorien anderer Weltreligionen? Warum behandelt man nicht neben Sexualkunde die Reinkarnation? Wie konnte Abraham mit stolzen einhundert Jahren noch ein Kind zeugen?

Wäre ich ein Schüler, würde ich aber für die Einführung des Bio-Religionsunterrichts plädieren. Nicht aus religiösen, sondern aus Gründen der Bequemlichkeit, denn dann wäre ich höchstwahrscheinlich in der Lage ein weiteres Fach abzuwählen, da aus juristischer Sicht niemand das Recht hat, mir einen Glauben aufzuoktroyieren. Auch nicht Karin Wolff oder Roland Koch. Amen.

Kontakt

  • admin.wmd [at] googlemail.com