Wir sind umgezogen!

Sonntag, 6. Mai 2007

Hochmut?

Der Westen sei "hochmütig", schreibt diesen Sonntag Nils Minkmar im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und gewährt dem Leser ein paar hochinteressante Einblicke in die Gedankenwelt eines typischen Kulturpessimisten. Für Minkmar ist Deutschland bzw. der Westen ein Christenclub, der es allen Nichtchristen unnötig erschwert, sich zu integrieren und somit die grundgesetzlich geschützte Würde des Menschen verletzt. Dabei hechtet er gedanklich von Pontius zu Pilatus und produziert so einen wirren Brei von guten Ratschlägen, was an sich durchaus legitim ist, in der Welt des Nils Minkmar aber nur auf sich selber und die eigene Kultur angewendet werden darf - alle anderen sind Tabu. Diese Forderung nach einer Meinungssperre verklausuliert der Autor als "gebotene Zurückhaltung im Umgang mit einer Religion, der man nicht angehört".

Und während Minkmar den Islam in Deutschland von jeder Verantwortung für das, was in Moscheen, Kulturvereinen und Koranschulen vor sich geht, freispricht, ermahnt er den Westen, sich an seine eigenen Grundsätze zu erinnern:
"Über fünf Jahre haben wir das Grundgesetz, die Bill of Rights, die Genfer Konvention hoch- und den Fanatikern entgegengehalten. Höchste Zeit, die Hände wieder herunterzunehmen und in diesen Texten zu lesen. Ihre Umsetzung käme, beim derzeitigen Zustand des Westens, einer Revolution gleich."
Diese Fünfjahresfrist setzt in Minkmars Welt am elften September 2001 ein, nach dem Massenmord in Amerika. Und obwohl die Täter Muslime waren, für ihre Religion mordeten und zuvor die ehrliche und glücklicherweise vorhandene Gastfreundschaft westlicher Staaten nutzten, um sich auf ihre Mission vorzubereiten, soll es der Westen sein, der seine demokratischen Grundsätze verletzt und vergessen hat.

Es ist kein Wunder, dass Minkmars Argumentation von der deutschen Islamkonferenz des Jahres 2007 zum elften September des Jahres 2001 springt, denn für ihn sind die mehr oder weniger nützlichen und für alle Beteiligten schwierigen Bemühungen, den Teil der deutschen Muslime, die es sich in ihrer Parallelwelt gemütlich eingerichtet haben, in die Öffentlichkeit zurückzuholen, Teil eines weltweiten Krieges gegen die Muslime an sich. Eine These die der Autor im typischen Schema natürlich nicht selber tätigt, sondern sich einer anderen Quelle bedient, die diese Behauptung für ihn ausspricht. Die Wahl derselben ist auch kein Zufall, der Vorwurf des Antiamerikanismus wird gerne durch den Verweis auf amerikanische Stimmen zu verhindern versucht, was bei der traditionell unübersichtlichen Vielzahl amerikanischer Meinungen völliger Unfug ist. Aber für Minkmar reicht es zu erwähnen, dass heute auch die "New York Times" davon spricht, "dass Araber, völlig unschuldige Menschen, abgeschossen werden wie Hasen". Die Urheber dieser angeblichen Hatz sind "westliche Regierungen", die durch Lug und Trug Gründe für Angriffskriege konstruieren. Nicht die Opfer der Fanatiker, zum Beispiel sieben kürzlich geköpfte Filipinos, haben ein Problem, sondern der Westen, der das kritische Denken "seit sechs Jahren vernachlässigt".

Man könnte vermuten, dass Minkmar die besagten sechs Jahre auf dem Mond verbracht hat, aber selbst dort hätte er wahrscheinlich mitbekommen, dass vor allem sein geliebtes Hollywood, dessen Vertreter für Minkmar vor allem die Aufgabe haben, sich "gegen die herrschenden Verhältnisse in ihrer Heimat" zu stellen, in vorderster Front gegen die Regierung Bush aufmarschierte und in seinen Reihen auch viele hat, die der Meinung sind, George Bush hätte vor sechs Jahren das WTC persönlich in die Luft gejagt. Keine Antikriegsdemo lief ohne Teilnehmer aus der Film-Schickeria ab, kein demokratischer Gegenkandidat läuft ohne eine Schar Prominenter auf - all das hat Nils Minkmar übersehen. Diese offenbare Unkenntnis der amerikanischen Verhältnisse hindert den Autor aber selbstverständlich nicht daran, selbige zu kritisieren und einen selbstgezimmerten Untergang des Abendlandes zu prophezeien.

Zu Beginn seines Textes, Minkmar bewegt sich noch in den Niederungen deutscher Innenpolitik, wird klar, das es dem Autor nicht um Kritik geht, sondern um der "politisierten" Deutschen liebste Triebfeder, die Ideologie. Für Nils Minkmar ist Deutschland, bzw. der Westen grundsätzlich fremdenfeindlich:
"Es wird noch lange dauern, bis die schon 1949 erdachte und garantierte Möglichkeit, dass man als deutscher Staatsbürger auch etwas anderes sein mag als ein Christ, sich in der Sprache niederschlägt."
Natürlich ist dieser Satz nicht ganz falsch, aber er ist auf der anderen Seite auch kompletter Unsinn. Der Westen hat in seiner neueren Geschichte jeder nur erdenklichen Konfession Zuflucht und Schutz geboten. Neben der Unzahl an christlichen Bekenntnissen, die seit 1949 in Deutschland heimisch geworden sind, gab es niemals ernste Probleme mit Buddhisten, Hindus oder Sikhs. Der Rassismus, der den Vertretern dieser Religionen entgegen schlug und unglücklicherweise immer noch schlägt, interessiert sich nicht für die Religion, sondern für die Hautfarbe. Einem Rassisten sind Bekenntnis oder Moralvorstellungen seiner Opfer völlig gleichgültig. Wer "Fremde" hasst, der sucht sich nicht deren Religion, sondern viel plumpere "Argumente" aus, die beweisen sollen, warum ein Inder oder Türke dem Vaterland schadet. Oskar Lafontaines "Fremdarbeiter" sind dafür ein gutes Beispiel.

Minkmars These vom westlichen Christenclub lässt sich unter keinen Umständen halten, es geht nicht um Christentum oder nicht, es geht darum, ob eine Religionsgemeinschaft einsieht, dass es in einer offenen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht akzeptiert werden kann, wenn ein Buch, das von einigen als heilig und unantastbar angesehen wird, fordert, dass Frauen von ihren Gatten nicht nur durch Liebesentzug, sondern auch durch gezielte Schläge gezüchtigt werden dürfen. Ginge es um rein theologische Probleme, müssten sich orthodoxe Christen und Baptisten, Katholiken und Protestanten gegenseitig an die Gurgel gehen - tun sie aber nicht. Minkmars Verweis auf die "blutigen Begleiterscheinungen" der Reformation in Deutschland, die dem Wunsch nach islamischer Reformation etwas mehr Bescheidenheit empfehlen soll, zeugt von der Unkenntnis dieses Vorganges, der vor allem ein politischer war und sich in einer Welt vollzog, die mit der heutigen kaum etwas gemeinsam hat. Im 19. und 20. Jahrhundert kam es zu etlichen Abspaltungen irgendwelcher Religionsgemeinschaften, trotzdem wurden aus religiösen Gründen keine Kriege in Europa geführt.

Kritik an einer Religion ist völlig legitim, auch wenn man ihr nicht angehört. Jedem Protestanten steht es frei, das katholische Zölibat als Unsinn zu bezeichnen oder sich darüber zu amüsieren, gleichzeitig können Katholiken über die glanzlose evangelische Liturgie schmunzeln und sich über die lutherische Eucharistie empören. Niemand würde auf die Idee kommen, diese Kritik zu verbieten, sei sie auch noch so nebensächlich oder subjektiv. Warum die Kritik an den Moralvorstellungen nichtchristlicher Konfessionen dagegen einer "gebotenen Zurückhaltung" unterworfen werden sollte, könnten wahrscheinlich nicht einmal die Götter erklären. Nils Minkmar scheitert jedenfalls schon an der Unterscheidung der Scharia, die den Menschenrechten diametral entgegensteht, und den zehn Geboten.

Für Herrn Minkmar existiert kein Konflikt zwischen einer offenen Gesellschaft und Frömmlern, die ihre Kinder dazu erziehen, dass Schweinefleisch schwul macht oder dass deutsche Frauen Nutten sind. Das Problem besteht für ihn nicht darin, dass Frauen ihre Gleichberechtigung aberkannt wird oder dass Fanatiker von der offenen Gesellschaft verlangen, ihre rückständigen Moralvorstellungen zu akzeptieren. Für Nils Minkmar besteht der Konflikt darin, dass der Westen "weiße Menschen christlichen Glaubens" bevorzugt und die Muslime das nicht sind. Wie so viele andere Dinge übersieht der Autor aber, dass die westlichen Gesellschaften glücklicherweise schon lange nicht mehr nur "weiß und christlich" sind. Und wenn diese grundsätzliche Erkenntnis schon nicht zu Nils Minkmar durchgedrungen ist, kann man von ihm nicht erwarten, dass er das Problem erkennt, um das es wirklich geht. Aus ihm spricht nur der Hochmut der Ignoranz.

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