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Sonntag, 25. März 2007

RAF-Mörder = Vergaste Juden

In der morgigen Ausgabe der Junge Welt gib uns der Autor Wiglaf Droste einen tiefen Einblick in sein Gefühlsleben. Denn aller Polemik zum Trotz ist der Wiglaf ein ganz feinfühliges Wesen, das man leicht schockieren und erschrecken kann. Nur womit?

Droste übt Kritik an der Mentalität der Deutschen und zieht als Beispiel die Fahndungsplakate der RAF-Terroristen heran, auf denen die Bürger die Gesichter der gefassten Personen mit Filzstiften durchstrichen. Diese Banalität deutet Droste in geradezu abenteuerlicher Weise in etwas um, für das ihm offenbar jegliches Feingefühl abhanden gekommen ist:
"Das war schockierender als das Schießen und Morden selbst: diese Genugtuung der Mitläufer, daß es wieder einen erwischt hatte, zum Ausdruck gebracht im Durchstreichen eines Gesichts. [...] Die Praxis zeigte: Die Deutschen hatten sich nicht geändert. Die wollten immer noch ausmerzen. Mit dem Kugelschreiber – und dann hinterher beteuern, daß man doch gar nichts getan habe. Ein Volk von Eichmännern. So lernte ich sie kennen, die Deutschen, im Jahr 1977."
Ja, so denkt der Droste. Die RAF-Terroristen, die etliche Menschen im Namen einer dümmlichen Ideologie ermordeten, werden mit Menschen verglichen, die industriell vergast wurden. Die Personen, die auf einem Stück Papier die Gesichter gesuchter Verbrecher durchstreichen, gleichen im Weltbild des Autors dem wahrscheinlich mörderischsten Bürokraten der Weltgeschichte, der die Vernichtung eines kompletten europäischen Volkes mit der Präzision eines Uhrwerkes plante - sie sind die "Mitläufer" des mordenden Staates. Da wird klar, wer hier Täter und wer Opfer ist.

Droste versteht es einfach nicht, dass viele Menschen einen Mörder wie Christian Klar, der zudem die Vermutung zulässt, dass er noch genauso denkt wie damals, nicht besonders gerne in Freiheit wähnen. Nein, für ihn liegt der Skandal darin, dass keine Rede mehr ist "von den Motiven der Leute, die als Mitglieder der Bewegung 2. Juni oder der RAF militant einen Staat bekämpften, den sie als NS-Nachfolgeunternehmen analysierten". Ob diese "Analyse" nun völliger Bullshit war und die Methoden und Motive - wie die Selektion von Juden, Ablehnung des Zionismus - der angeblichen Nazigegner denen der Nazis in ähnelten, ist Droste egal: Der gute Wille zählt eben. Er weiß auch genau, wann und warum Frau Meinhof zur Mörderin wurde, es war der "Tag, als Kurt Georg Kiesinger, ehemaliger Referent bei Joseph Goebbels, deutscher Bundeskanzler wurde". Ein solcher Skandal scheint für Wiglaf Droste kaltblütigen Mord völlig verständlich erscheinen zu lassen, er sieht darin lediglich einen "Sturm im Wasserglas".

Für den jungen Droste waren die RAF-Banditen nur ein paar "Robin Hoods", die der Nazi-BRD mal so richtig eins auswischten, Hanns-Martin Schleyer zu töten löste keine Trauer aus, schließlich war er ein Nazi. Die Ermordung seiner drei Leibwächter und des Chauffeurs sind dabei wohl nötige Nebensächlichkeiten gewesen, die auch nicht weiter wichtig sind - vier mehr oder weniger? Was soll's, der gute Wille und eine gehörige Portion Antifaschismus zählen.

Heute sieht Droste in den Mördern lediglich "Verzweifelte", die einfach nicht mehr weiter wussten. Und überhaupt: Wenn man kein Mörder ist, macht das einen nicht zu einem besseren Menschen, sondern "zu einem anderen" - Droste gesteht großmütig ein, dass das "Umbringen anderer kein geeignetes Mittel zur Verbesserung der Welt" ist, denn "es hat so etwas Humorloses".

Wiglaf Droste hat mit diesem Text ein wahres Meisterwerk abgeliefert, ein grandioses Pamphlet des ideologischen Relativismus. Da werden Mordbanden im historischen Vergleich zu Juden und der deutsche Michel, der Angst vor einer Gruppe mutwillig mordender Heilsbringer hat, wird zum Wiedergänger Eichmanns, der diese neuen Juden ins Gas schicken will. Der Rest ist das, was die Verteidiger der RAF immer vorbringen: Verspäteter Widerstand gegen die Nazis. Und wenn der echte Hitler schon Tod ist, dann sucht man sich einen Ersatz-Adolf, den man umbringen kann und wenn sich jemand unbeteiligtes beim ihm aufhält, macht man vor dem auch keinen Halt. Dass sich die RAF mit ihrem Antiamerikanismus und Antisemitismus, ihrem deutschen Sozialismus und der Verbrüderung mit palästinensischen Terroristen ganz in die Tradition der Nazis stellte, das alles macht ihren vorgeschobenen Folklore-Antifaschismus für Herrn Droste in keiner Weise unglaubwürdig. Die Perversion, Herr über Leben und Tod einiger mehr oder weniger ausgesuchter Menschen und deren Begleiter zu spielen, stellt die RAF in der deutschen Geschichte ganz nah an die Kategorie der echten Eichmänner und Freislers.

Für Wiglaf Droste aber zählt nur der gute Wille, den er der RAF attestiert. Den hatte Adolf Eichmann bestimmt auch, als er an seinem Schreibtisch saß und die Wannseekonferenz vorbereitete.

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