Wir sind umgezogen!

Sonntag, 5. November 2006

Vortrag von Ulrich Sahm in Berlin

Heute besuchte ich einen Vortrag von Ulrich Sahm, indem es um den Libanonkonflikt und die Rolle der Medien in ihm ging. Es wurde ein ebenso unterhaltsamer wie informativer Mittag. Beinahe zwei Stunden redete Sahm über die Lage in Nahost, den Zustand der israelischen Gesellschaft und den Konflikt mit der Hisbollah. Obwohl er oftmals über tragische oder traurige Ereignisse sprechen musste, lockerte er die Atmosphäre immer wieder durch eigene Anekdoten auf.

Gleich zu Beginn machte er durch ein einfaches Beispiel klar, wie irrsinnig die Behauptung ist, Israel hätte gezielt die libanesische Bevölkerung attackiert. Es gab nicht weniger als 15.000 Luftangriffe und wenn diese tatsächlich die Bevölkerung zum Ziel hatten, wären die weniger als tausend libanesischen Opfer mehr als blamabel. Wenn es trotz dieser massiven Luftschläge nur so wenige Tote gab, stellte Sahm fest, müssen die Israelis sehr gut gezielt haben und zwar eben nicht auf die Menschen.

Wie problematisch der Konflikt zwischen Hisbollah und Israel ist, wird auch daran deutlich, dass die von vielen geforderten direkten Verhandlungen Israels mit Hisbollah schlicht unmöglich sind. Wenn diese aufgenommen werden, bedeutet dies eine Anerkennung einer fremden Miliz auf dem Boden eines souveränen Staates und damit das Ende eben dieser Souveränität.

Obwohl es im Verlauf des Konflikts viele Pannen gab, von denen die mangelhafte Wasserversorgung der Soldaten noch nicht zu den dramatischsten gehörte, zieht Sahm eher eine positive Bilanz. Zum ersten Mal hätte die Weltgemeinschaft Israel gewähren lassen. In allen Kriegen zuvor hätte es auf Druck von außen ein frühzeitiges Ende der Kampfhandlungen gegeben. Ein Motiv dafür ist die Angst, die die arabischen Staaten vor dem Iran haben. Sie hofften alle insgeheim, dass Israel Teherans Arm in der Region zerschlagen würde. Ein Ziel, dass wahrscheinlich auch recht effektiv erreicht wurde. Obwohl die Quellen unsicher sind, wurde vor den Kampfhandlungen von cirka 5000 Hisbollahkämpfern ausgegangen. Wenn nun davon, laut Israel, 800 getötet wurden und eine unbekannte Zahl an Verletzen hinzuzuaddieren sind, dürfte die Schlagkraft tatsächlich deutlich geschmälert worden sein.
Außerdem betonte Sahm, dass bei aller Kritik auch gesehen werden muss, dass es der IDF innerhalb der ersten Stunde gelang, restlos alle Langstreckenraketen der Hisbollah zu zerstören. Ansonsten hätte auch Tel Aviv unter Feuer gestanden.

Als eigentliche Verlierer dieses Konflikts sieht er allerdings die Palästinenser. Spätestens jetzt, nach der traumatischen Erkenntnis, dass schon primitive Raketenangriffe einen Großteil der Wirtschaft lahm legen können, wird ein Rückzug auf die Grenzen vor 1967 nicht mehr so ohne weiteres stattfinden können. Schon die Erfahrungen, die man mit der Räumung aus dem Gazastreifen machte, sind beunruhigend. War die palästinensische Antwort doch eine Maximierung der Raketenangriffe. In diesem Zusammenhang gab Sahm übrigens ein weiteres Beispiel für die beinahe unheimliche Destruktivität des “Widerstand“. Oft würden Hamas und Co nämlich ein israelisches Stromkraftwerk ins Visier nehmen, das, nun ja, die Stromversorgung des Gazastreifens gewährleistet.

Dann ging Sahm auch noch auf den verschiedenen Umgang der Konfliktparteien mit ihren Toten ein. Extremer könnte der Unterschied in der Ethik nicht sein. Während die Feinde Israels ihre Toten in erster Linie als Propagandawaffen missbrauchen und dieser Umgang mit pietätlos noch untertrieben beschrieben ist, wäre so etwas in Israel undenkbar. Weil man aber an der Art, wie eine Gesellschaft mit ihren Toten umgeht, ziemlich gut darauf zurückschießen kann, wie viel Respekt sie vor Lebenden hat, ist es kein Wunder, das es die Palästinenser nur im Terrorismus in die Weltspitze geschafft haben.

Sahm schilderte ein erschütterndes Beispiel für den Hass, den die palästinensische Gesellschaft produziert. Nachdem ihr Sohn als Selbstmordattentäter sechzehn Israelis ermordet hatte, diktierte die Mutter den Medien, wie glücklich sie über diese Tat sei. Zufällig erlitt ihr Mann an diesem Tag eine Herzattacke und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden, dort wurde er in ein Bett gelegt, indem zuvor noch ein kleines Kind lag, das Opfer des Anschlags seines Sohnes geworden war. Dieser Patient aber, dem gerade das Leben gerettet wurde, schrie nur wütend herum, dass er nicht von jüdischen (er sprach nicht von israelischen!) Ärzten behandelt werden will.

Weswegen Israel sich nicht ohne weiteres auf die Grenzen von 1967 zurückziehen kann, liegt daran, dass in diesem Fall schlicht ganz Israel in die Reichweite palästinensischer Raketen geraten würde. Auch der David Ben Gurion Flughafen. Der Schock der Hisbollahattacken sowie die Erfahrungen nach dem Gazarückzug sind Warnung genug, nicht fahrlässig das Leben der eigenen Bevölkerung für den naiven Wunsch nach Frieden zu gefährden. Es hätte schon seine Grund, gab Sahm zu bedenken, warum die so genannte Grüne Linie vor dem Sechstage Krieg einen anderen Namen trug: Die Auschwitz Linie.

Am Ende ging er auch noch auf die Vorfälle zwischen israelischen Flugzeugen und der deutschen Marine ein. Er stellte die Ereignisse etwas anders dar, als es in den deutschen Medien der Fall war. Sahm ging auf eine Konfrontation ein, bei der ein Hubschrauber auf Israel zuflog, ohne sich zu identifizieren und darum die Luftwaffen mehrere Flieger losschickten, um zu überprüfen, was sich dort nähert. Erst als der Pilot die Jets sah, wechselte er auf die Frequenz, auf der Kontakt mit ihm aufgenommen werden konnte. Wer dabei nun wen provozierte, ließ Sahm den Zuhörer selber entscheiden.

Abschließend kann festgehalten werden, dass es sich um eine äußerst interessante Veranstaltung über ein ernsthaftes Thema handelte, die von einem sehr kompetenten Vortragenden leicht und souverän präsentiert wurde, dem man ein Talent als Alleinunterhalter nicht absprechen kann.

PS: Nur weil es mir am Rande aufgefallen ist. Als ich mir nach der Veranstaltung noch die Fotos angesehen habe, die im Jüdischen Gemeindehaus hängen, fand sich dort auch eines von der Eröffnung dieses Gebäudes irgendwann Ende der 1950er Jahre. Etwas stimmte nicht mit ihm und es dauerte ein bisschen, bis mir der "Fehler" auffiel: Es fehlte die Polizei - die Normalisierung im deutsch-jüdischen Verhältnisses war damals offenbar noch nicht soweit fortgeschritten wie heute.

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