Wir sind umgezogen!

Samstag, 11. November 2006

Tatsachenmanipulation im Zuge des Antiamerikanismus

Die Menschheit ist mit historischen Tatsachen immer schlecht umgegangen. Nichts lässt sich eben leichter für persönliche Zwecke missbrauchen, als tatsächliches Geschehen, indem man es falsch darstellt.

Die Beispiele in der Geschichte sind zahlreich. Einige kann man sogar als charmant und witzig empfinden, man nehme nur das Beispiel den Bastille-Sturm während der Französischen Revolution. Ob die Bastille-Erstürmung wirklich weltbewegend war, ist ein großer Streitpunkt unter den Historikern. Es gab zahlreiche andere Ereignisse, die ebenfalls in ähnlichem Maße die Revolution vorangetrieben haben. Doch die Franzosen feiern den Tag der Erstürmung mit dem Nationalfeiertag - Da die Erstürmung der Bastille für viele ein Symbol für den Sieg des Volkes gegen die "da Oben" darstellt.

Ein Kuriosum am Rande, das oft vergessen wird: Die Revolutionäre begründeten die Erstürmung unter anderem damit, dass Regimekritiker in der Bastille gefangen gehalten wurdne. Als sie schließlich die Kerker des Schlosses aufsuchten, konnten sie nur eine Mischung aus Geisteskranken und wirklichen Kriminellen vorfinden.
Was taten sie daher? Sie erfanden einfach die Geschichte eines Menschen, der jahrelang im Kerker wegen Regimekritik verweilen musste, und nun durch die Erstürmung befreit worden war, um die Erstürmung nachträglich zu rechtfertigen. Die Revolutionäre haben also ein tatsächliches Geschehen mit einer Lüge verbunden.

Tragisch wird der fahrlässige Umgang mit Tatsachen, wenn dieses Verhalten dazu dient, gegen Menschen bzw. Ethnien zu hetzen. Antisemitismus zum Beispiel basiert oft auf diese Vorgangsweise: Vermehrt Lügen, Verdrehungen, Manipulation.
In dieser Zeit kann man dieses Unwesen in Bezug auf Amerika entdecken. Extremistischer Antiamerikanismus, Volkssport Nummer 1 geworden, muss schließlich auch irgendwie gerechtfertigt werden. Also was machen manche? Entweder drehen sie wilde Filmchen wie Michael Moore, reißen Bilder und Interviews aus dem Zusammenhang, werden die neuen Volkshelden und verdienen Millionen, oder sie machen es im kleineren Rahmen, nutzen die neuen Medien, und stellen Filmchen ins Netz:

Spätestens seit YouTube kann auch jeder Privatmensch solche Informationen blitzschnell und global zur Verfügung stellen - gewappnet mit der Macht der Bilder und ziemlich unabhängig von ethischen Prinzipien. Die Wahrheit aber setzt sich unter Umständen schwer durch, wenn eine plausible Lüge erst einmal im Umlauf ist im Netz.

Mike McIntee weiß das: Vor wenigen Tagen - kurz vor den Kongresswahlen, die Bushs Republikaner mit Pauken und Trompeten verloren haben - stellte er ein Video online, im dem das Weiße Haus mal wieder des Betruges bezichtigt wurde. Sehr überzeugend, und mit einer fürs genüssliche Bush-Bashing geeigneten Geschichte: Das Weiße Haus, "beweist" McIntee in dem Video, versucht die Geschichte umzuschreiben.(...)

Das Video mit dem "Beweis" für die angebliche, achso kurzsichtige Manipulation fand im Netz schnell eine Fangemeinde - bis heute haben es knapp 180.000 Menschen angesehen. Noch mehr Publikum dürfte die Botschaft gefunden haben, als sie am Dienstag vom einflussreichen liberalen Politblog "Huffington Post" aufgegriffen wurde - mit der Überschrift "Weißes Haus dabei erwischt, wie es angeblich das 'Mission accomplished'-Video manipuliert". Bei YouTube überschlugen sich derweil die Kommentatoren mit Lob für den Aufklärer McIntee - kritische Kommentare waren unter dem Video nicht zu finden. Die US-Blogsophäre brodelt - bis heute.

Dabei hatte Mike McIntee blanken Unsinn verbreitet - und zwar vermutlich mit voller Absicht. Mehrere Blogger, die über das Thema schrieben, berichten, dass ihre kritischen Kommentare von McIntee gelöscht worden seien - das geht bei YouTube. Und Kritik war durchaus angebracht: McIntees Behauptungen sind haltlos.

Nahezu alle Videos auf whitehouse.gov enthalten den bewussten schwarzen Balken - denn der verdeckt die Sendergrafiken der Nachrichtenkanäle, von denen das Material üblicherweise übernommen wird. Das Foto, das McIntee zum Vergleich heranzog, wurde aus einem völlig anderen Winkel aufgenommen. Das Bild zeigt darum das "Mission accomplished"-Banner - in der Kameraeinstellung des Nachrichtensenders CNN war das Banner dagegen nie zu sehen.

Schnell fanden einige andere YouTube-Nutzer das heraus, mehrere stellten Video-Richtigstellungen online. "Mike McIntee lügt", heißt eine davon schlicht.

Der Popularität des Videos taten die Richtigstellungen allerdings keinen Abbruch - die plausible, unterhaltsame Lüge verbreitete sich leichter und hielt sich hartnäckiger als die langweilige Wahrheit. Noch Tage später zitierten Blogger das betrügerische Video. "Ich habe mich eben ein bisschen bei YouTube umgesehen", schrieb einer noch gestern, "und dabei bin ich über dieses fantastische Beispiel dafür gestolpert, wie Amerika versucht, die Geschichte umzuschreiben." (...)

Was sagt uns das? Antisemitismus, Antiamerikanismus, Religiöser Fundamentalismus haben eines gemeinsam: Die Manipulation und Verdrehung von Tatsachen, dazu noch für den gewollten Sinn nötige Erfindungen.

Was sagt es uns noch? Dass sich viele Menschen lieber veräppeln lassen, weil sie nur das lesen, was sie lesen wollen. Viele Menschen sind für diese sektenartigen Aussagen eher zu haben als für die Wahrheit.

Es wäre gerade von der Wissenschaft endlich einmal an der Zeit, eine ordentliche Tatsachenmanipulationsforschung zu betreiben, um wenigstens von der Wissenschaft aus diesem Treiben den Spiegel vorzuhalten. - Denn die Tendenz ist leider steigend.

Benutzte Quelle: www.spiegel.de

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