Wir sind umgezogen!

Dienstag, 7. November 2006

Rettet den Mörder!

Nachdem Saddam Hussein zum Tode verurteilt worden war, ging alles ganz schnell. Weltweit erhoben sich die aufrechten Verfechter der Menschenrechte und forderten Gerechtigkeit für das Monster. Sie alle hatten jahrelang mehr oder weniger schweigend zugesehen, wie Saddam Hussein Abd al-Madschid at-Tikriti den Irak wie seinen Privatbesitz behandelte und unterstützt von seinen Söhnen (mögen sie in der Hölle schmoren) ein barbarisches Terrorregime führte.

Es scheint so, als sei es all denen, die sich nun für das Ungeheuer einsetzen peinlich, dass sie sich so lange so gut wie überhaupt nicht gegen es eingesetzt haben. Also wollen sie sich jetzt wenigstens um Saddams gute Behandlung bemühen. Da passt es ganz gut ins Schema, wenn man dem Irak nun vorwirft, der Prozess habe nicht westlichen Standards entsprochen, was nicht falsch sein muss, aber auch für die Nürnberger Prozesse galt. Derartige Gerichtsverhandlungen sind Ausnahmefälle, da wird nicht über Hühnerdiebe, sondern Massenmörder verhandelt.

Die Zeitung, die auch schon stramm auf der Seite des Faschisten Milosevic standen, brechen nun auch für Saddam eine Lanze - schließlich können sie sich im nun nicht mehr als menschliche Schutzschilde anbieten. Sucht man bei der "jungen welt" nach "saddam", kommen nacheinander die folgenden Artikel auf den Bildschirm: Rainer Rupp: Illegales Urteil (6.11.06), Werner Pirker: Täterjustiz (6.11.06) und Gilles Munier: Justizfarce in Bagdad (4.11.06).

Wie besorgt doch alle um den Schlächter von Bagdad sind. Romano Prodi will sich mit aller Kraft gegen die Vollstreckung des Urteils stemmen, von allen Seiten schallt es: "Bringt ihn nicht um!". Amnesty International, eine Organisation, die eigentlich wissen sollte, wo der Unterschied zwischen Täter und Opfer liegt, spricht von einem "schäbigen Urteil" und ist um den irakischen Rechtsstaat besorgt, eine Institution, die das letzte Mal von einer Person namens Saddam Hussein beseitigt wurde.

Der Korrespondent der Tagesschau, Carsten Kühntopp, meldet sich aus Amman zu Wort und auch er vermisste die "westlichen Standards". Am schlimmsten fand er jedoch das "Klima der Vorverurteilung", in welchem "ein faires Verfahren wohl kaum möglich" gewesen sei. Auch Herr Kühntopp scheint nicht begriffen zu haben, wer hier auf der Anklagebank saß. Die Iraker wurden jahrelang von diesem Typen und seinen Freunden unterjocht und jeder Iraker hat das zu spüren gekriegt. Wie sollen diese Leute dem Kerl denn bitte entgegen treten, ohne ein Urteil parat zu haben? Kühntopp legt hier einen Maßstab an, den niemand erfüllen kann und der damit sehr unseriös und heuchlerisch daherkommt.

Zur Zeit wird in Dresden ein Prozess gegen einen Mann geführt, der eine 13-jährige über Wochen als Sexsklavin in seiner Wohnung gefangen hielt. Gestern habe ich Stimmen von Prozessbeobachtern im Fernsehen gesehen, die alle von der Schuld des Mannes überzeugt sind und ihn vorverurteilten. Jeder kannte die Geschichte und wusste, dass der Mann der Täter ist. Vielleicht ja auch der Richter? Wurden hier westliche Standards verletzt? Das wird niemand ernsthaft glauben. Aber wenn ein mordlüsterner Tyrann von denen, die er gequält hat abgeurteilt wird, dann muss man ganz besonders darauf achten, dass man vor diesem Wahnsinnigen, für den Prozesse höchstens Unterhaltungsshows darstellten, ein ganz korrektes, den westlichen Standards entsprechendes Bild abgibt?

Zum Glück waren die heutigen Kritiker des Saddamprozesses nicht bei den Nürnberger Prozessen anwesend, sie hätten es dort vor lauter Vorverurteilung und Ungerechtigkeit bestimmt nicht lange ausgehalten, denn jeder wusste, was mit einem Julius Streicher für ein gewalttätiges Schwein auf der Anklagebank saß, jeder wusste, dass Alfred Rosenberg den ideologischen Unterbau für die Massenvernichtung von Menschen lieferte, jeder wusste, das Göring bei Krieg und Ausrottung in der ersten Reihe der Täter stand. Herr Kühntopp und seine Mitkritiker wären entsetzt gewesen, wenn ein polnischer Jude es gewagt hätte, Hans Frank als Mörder darzustellen - ein völlig unbrauchbarer Zeuge, denn er nimmt eine Vorverurteilung vor und könnte so die Fairness des Prozesses gefährden.

Es ist mir ein Rätsel, dass die Welt immer noch nicht erkannt hat, dass es einen Unterschied zwischen einem normalen Gerichtsverfahren wegen Sachbeschädigung und der Anklage gegen einen Völkermörder gibt. "Gerade wir Deutschen" sollten den Unterschied gelernt haben, aber vielleicht wären wir mit Göring und Co. ja auch ganz liebevoll umgesprungen, wenn wir und nicht die Amis den Prozess hätten führen können - manches in diesen Tagen könnte mich davon überzeugen.

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