Wir sind umgezogen!

Donnerstag, 2. November 2006

Religiöser Fundamentalismus - mitten unter uns

Das Faszinierende an der Geschichte ist es, dass sich gewisse Dinge immer wiederholen, oftmals zum Leidwesen vieler Historiker, die trotz aller Bemühungen mitansehen müssen, wie die Menschheit aus der Vergangenheit einfach nicht lernen kann. Besonders ironisch, wenn aufsehende Ereignisse an historischen Tagen passieren, wie etwa am 31. Oktober 2006, am gleichen Jahrestag, als vor hunderten von Jahren - der Überlieferung nach - Martin Luther seine Thesen an eine Kirchentür in Wittenberg nagelte.

Am Reformationstag des Jahres 2006 verbrennt sich ein Geistlicher im Namen des Glaubens selbst. Wie es heißt, aus Angst und Protest gegen eine andere Religion und Kultur. Wenn man solch ein tragisches Ereignis zusammenhangslos liest, würde der durchschnittliche Bürger mit all seinen Vorurteilen natürlich sofort denken, dass es sich wieder einmal um einen durchgeknallten islamistischen Fanatiker handen muss, der sich irgendwo in Afghanistan auf dem Marktplatz selbst verbrannt hat.
Nein. Am Reformationstag des Jahres 2006 hat sich ein evangelischer Pfarrer in der ostdeutschen Stadt Erfurt, in einem Geländer des ehrwürdigen Augustinerklosters, mit Benzin übergossen und angezündet. Im Abschiedsbrief sei zu lesen, dass er gegen die Ausbreitung des Islams und die Haltung der christlichen Kirchen zum Thema protestieren wolle. Eine religiös motivierte Selbstverbrennung, mitten unter uns, mitten in unserer scheinbar westlich-aufgeklärten Kultur, mitten im Christentum.

Vor ca. 2 Jahren las ich in der New York Times ein Interview mit einem Religionsexperten, der davor warnte, dass christliche Selbstmordattentate gegenüber Andersgläubigen aufgrund der Renaissance der Religion, des selber beschwörten "clash of zivilisations" nach dem 11. September nur mehr eine Frage der Zeit seien. Damals hielt ich diese Worte für dumm und verrückt - Nun bin ich schon etwas skeptischer über meine damalige Meinung geworden ...

Religiöser Fundamentalismus ist also kein reines islamisches Problem. Es ist ein Problem aller Religionen und Gesellschaften, mehr oder weniger. Jede Religion kann fundamentalistisch interpretiert werden. Wie stark dieses Problem ist, hängt einerseits von den historischen Gegebenheiten ab (zB Mittelalter - Extremistisches Christentum), oder von mangelnden demokratischen Prozessen (zB islamische Gesellschaften - Keine durchlaufende Aufklärung). Überall gibt es Menschen, die mit Religion offensichtlich nicht richtig umgehen können. Realitätsfremd und scheinheilig ist es aber von einigen Liberalen, sich zu wünschen, dass es keine Religionen geben würde - Sie wird es immer geben.

Es liegt an den wahren Werten des Liberalismus, mit gutem Beispiel voranzugehen. Jene Menschen, die zugleich religiös verwurzelt sind, aber mit liberalen Werten wie Toleranz und Weltoffenheit in die Moderne gehen, sind Vorbilder für eine gewaltfreie Zukunft unserer Gesellschaften.

Doch wenn selbst in der westlichen Welt noch immer Fälle von Fundamentalismus in der Religion stattfinden, muss man um die Glaubwürdigkeit unserer Forderung für eine Reformierung der islamischen Gesellschaften bangen und kämpfen.

Dieser Fall in Erfurt darf von der Öffentlichkeit nicht als Einzeltat heruntergespielt werden, schon gar wieder aus den Medien verschwinden. Es muss darüber gesprochen werden - Hier und jetzt. Bevor dieser Einzelfall Vorbildwirkung bewirkt.

Quelle

Liberal in Östereich - humanistisch-liberales Blog

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