Wir sind umgezogen!

Montag, 6. November 2006

Ein bißchen schwanger gibt es doch

"Entweder man ist für oder man ist gegen die Todesstrafe. Ein bisschen schwanger ist nicht", schreibt Blogger Rayson in einem Kommentar auf Antibürokratieteam.de anläßlich des Todesurteils gegen Saddam Hussein. Ich bin da anderer Meinung. Kürzlich habe ich mich an anderer Stelle dezidiert gegen utilitaristische Argumente für die Todesstrafe und gegen die Todesstrafe schlechthin stark gemacht. Ich sehe keinen Grund, ein Wort davon zurückzunehmen. Doch wenn ich die Reaktionen von EU, UN, Amnesty International (die sich eigentlich um die Opfer von Diktatoren kümmern sollten, nicht um diese selbst) e tutti quanti höre, wie inhuman und unzivilisiert die Hinrichtung Saddams sein würde, so daß man doch gefälligst darauf verzichten solle, dann kommt mir das kalte Kotzen. Hier wird Humanität pervers. (Wenn es sich denn überhaupt um Humanität handeln sollte, und nicht um einen Seitenhieb gegen die amerikanischen Besatzer.) Ist es so schwer einzusehen, daß ein moralischer Unterschied besteht, ob ein Staat einen seiner Bürger tötet, oder ob ein Diktator und Völkermörder, Inbegriff totaler Staatsmacht, nach seinem Sturz mit dem Tod bestraft wird, weil dessen Verbrechen ein derart monströses Ausmaß angenommen haben, daß nur durch seinen Tod der Rechtsfrieden halbwegs wiederhergestellt werden kann; daß die Taten eines Adolf Eichmann auf einer ganz anderen Stufe stehen als die noch des schlimmsten serial killers; daß die Todesstrafe im normalen bürgerlichen Strafrecht nichts zu suchen hat, der historische Sonderfall einer gestürzten Diktatur aber etwas anderes ist; daß humane Prinzipien unerläßlich sind, Prinzipienreiterei aber albern? Moralische Prinzipien müssen sich in einer widerspruchsvollen Realität bewähren. Daher ist auch die Forderung nach Widerspruchsfreiheit in der Moral (die in der Logik zu recht erhoben und zu oft mißachtet wird) fehl am Platz. Es gibt nämlich, um im Vergleich zu bleiben, sehr wohl "ein bißchen schwanger". Eine Schwangerschaft hat eine andere Qualität im Augenblick unmittelbar nach der Empfängnis als im neunten Monat. Deswegen kann man gegen Abtreibung sein, aber für die Pille danach (oder gegen Infantizid, aber für Abtreibung*); gegen die Lüge, aber für die Notlüge; gegen Mord, aber für das Recht auf Notwehr; gegen Diebstahl, aber für Mundraub, wenn einer hungert; gegen Krieg als ein grundsätzliches Übel, aber für Krieg zur Verhinderung noch größerer Übel usw.

Und wenn ich jetzt gezwungen würde, meine Position doch widerspruchsfrei zu formulieren: Ich bin strikt gegen die Todesstrafe - außer in dem einzigen und absoluten Ausnahmefall der Beteiligung an einem Genozid. Schwach argumentiert? Ich weiß. Aber moralische Prinzipien lassen sich oft nicht restlos argumentativ begründen, sondern sind letztlich das Ergebnis von Entscheidungen.

----------------------------------------------------------------------------

*Das von Gegnern des § 218 oft geäußerte Argument "Keine Frau ist für Abtreibung" halte ich für Augenwischerei. Das Abtreibungsverbot abzulehnen, rechtfertigt m.E. den Schluß, daß derjenige, der dies tut, Abtreibung befürwortet, also "für" Abtreibung ist - Befürworten nicht in dem Sinne, Abtreibungen nach Möglichkeit zu fördern und auszuweiten (das will tatsächlich niemand), wohl aber, ihre Zulässigkeit zu behaupten. Auch das ist Befürworten.

Kontakt

  • admin.wmd [at] googlemail.com