Wir sind umgezogen!

Sonntag, 12. November 2006

Deutsche Russland-Paranoia?

Eine russische Internet-Zeitung, die sich selbst als "Vorreiter einer Nachrichtenpolitik, in der sich vorrangig die Meinungen der Betroffenen, also der Russen, spiegeln" versteht, geht in einem aktuellen Beitrag auf die als negativ wahrgenommene Berichterstattung über Russland in deutschen Medien ein und fragt: Pressefreiheit in Deutschland "made in USA"?

Durch den ganzen Beitrag zieht sich der Vorwurf, lediglich vermeintlichen Mißständen, nicht aber den Erfolgskapiteln des modernen Russland Rechnung zu tragen: "Industrie-Imperialismus" und "Machtpolitisch motivierter Angriff einer russischen Clique" zitierte das „Handelsblatt“ die russische Stimmung unter deutschen Spitzenmanagern - russische Oligarchen seien für das Unternehmen eine weitaus schlimmere Bedrohung als amerikanische Heuschrecken. Eine der in Russland üblichen Katastrophen mit giftigem Wodka wird zum Notstand hochstilisiert, obwohl dessen Ausrufung nur den Strafverfolgungsbehörden die Arbeit erleichtern sollte. Schafft es eine NGO nicht, die bürokratischen Spielregeln des Gastlandes einzuhalten, wird daraus flugs eine Verbannung gestrickt. Straft Russland ukrainischen Gas-Klau ab, schwärzt die Mehrzahl deutscher Journalisten Putin als Erpresser an. Erschwitzt Ex-Kanzler Gerhard Schröder unseren warmen Platz am sibirischen Ofen, verrät der „Gas-Promi“ deutsche Werte.

Ob ähnlicher Anwürfe kam selbst Michail Gorbatschow beim 6. Petersburger Dialog in Dresden im Oktober 2006 (Titel:„Deutschland und Russland in europäischer Verantwortung“) in Wallung. Dabei erwarteten doch Teilnehmer der Veranstaltung gerade auch eine kritischere Haltung gegenüber Politik und Wirtschaft: „Auch unbequeme Themen wie Kriegsverbrechen in Tschetschenien, Pressefreiheit oder das NGO-Gesetz sollten bei dem Dialog angesprochen werden“.

Der Beitrag schließt nach Interpretation der fünf Essentials der Springer-Presse mit der eher versöhnlichen Erkenntnis, dass der "gequälte Journalist" im Hinblick auf die vielen Vorgaben quasi bloß noch einen Spagat versuchen könne: "Neben der so notwendig wie alltäglichen Selbstzensur stets zwischen Werbung und redaktionellen Texten sowie zwischen privaten und geschäftlichen Interessen zu trennen, stets persönliche Vorteilnahme zu verhindern und im Umgang mit Quellen standhaft zu bleiben, muss der für Axel Springer schreibende Journalist durch Unternehmensverfassung definierte gesellschaftspolitische Grundüberzeugungen durchhalten. Dazu muss er herbeiführen, unterstützen, ablehnen, verteidigen und unbedingt eintreten. Bei so viel Rahmenbedingungen und Vorgaben ist es nur verständlich, wenn der Verlag Kreativität als entscheidende Voraussetzung für den journalistischen sowie den geschäftlichen Erfolg festschreibt. Die braucht man, um - als einfacher Mitarbeiter oder Führungskraft – "ideenmutig, eigenverantwortlich und ergebnisorientiert" handelnd zu bleiben. Da gerät das Bild von Russland gern ins Schlingern – besonders denen, die Bündnistreue zur transatlantischen Außenpolitik der USA nicht nur unterschrieben haben, sondern selbige persönlich auszuformulieren wünschen."

Denkt man vor diesem Hintergrund an Namen wie Anna Politowskaja oder Olga Kitowa, drängt sich einem die geballte Unverhältnismäßigkeit dieses Bildes auf und man möchte fragen: Wer ist wirklich der gequälte Journalist? "Man muss mittlerweile lernen, zwischen den Zeilen zu lesen", sagt Olga Kitowa. Die Medienfreiheit habe heute Zustände fast wie in Sowjetzeiten erreicht. Das habe Folgen auch für die Leser: Meist kommen Leserbriefe ohne Absender, oder werden aus einer anderen Stadt abgeschickt. Kritische Debatten wie in Westzeitungen sind in Russland völlig unbekannt, meint Kitowa. Umso mehr freuen sich die Journalisten über die sehr ausführliche Berichterstattung im Westen: Die Zustände in Russland seien immer mehr Menschen bekannt, sagt Olga Kitowa. Insofern müsse sie den westlichen Organisationen, wie etwa "Reporter ohne Grenzen" sehr dankbar sein.".

Ähnliches äußert auch Wladimir Ryschkow, einer der letzten liberalen oppositionellen Abgeordneten in der russischen Staatsduma, im SPIEGEL-ONLINE- Interview: "In den letzten Jahren sind in Russland mehr als einhundert Journalisten umgebracht worden. Jeder mutige Redakteur setzt sein Leben aufs Spiel, wenn er etwas Brisantes recherchiert. Die meisten dieser Morde werden nicht aufgeklärt, die Täter können auf Straffreiheit hoffen."

Diese Hilferufe sind wahrlich kein Plädoyer für "Pressefreiheit made in Russland".

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