Wir sind umgezogen!

Montag, 13. November 2006

Der Weg des Arabischen in die Moderne

Dass Sprache und Erkenntnis einander bedingen, ist seit dem "linguistig turn" ein grosses Thema der Kulturwissenschaften. Hat also die arabische Sprache den Sprung in die Moderne geschafft? Der Bonner Islamwissenschaftler Stefan Wild war schon vor dreissig Jahren zu der Schlussfolgerung gelangt, dass dem Hebräischen der Sprung in die Moderne gelungen sei, dem Arabischen dagegen noch nicht.[1] Jüngst erst wurde diese These durch den deutsch-israelischen Historiker Dan Diner bekräftigt, der in seinem Buch "Versiegelte Zeit" ein Defizit an Bildung und Wissenschaft in der arabischen Welt mit dem Phänomen des sprachlichen Konservatismus in Verbindung brachte. Nicht ganz scharf herausgearbeitet wird in dem Buch allerdings, was Ursache und was Wirkung ist.[2]

Tatsächlich sind Grammatik und Lexik des modernen Zeitungsarabisch im wesentlichen auch dieselbe des Koran. Gewandelt hat sich im Laufe der Jahrhunderte vor allem die Semantik. Viele Studierende der Arabistik verzweifeln denn auch häufig an der Fülle der Bedeutungen, die ein einzelnes Wort in den verschiedensten Zusammenhängen haben kann, während andererseits die Semantik innerhalb einer Textgattung (Zeitung oder Roman) recht klar umrissen ist. Bassam Tibi hat einmal die Frage gestellt "Wie können Muslime den Wandel kulturell wahrnehmen, wenn ihre Perzeption von der angeblich nicht dem Wandel obliegenden 'Arabiyya geprägt wird?"[3]

Abe Ata, ein australischer Soziologe, glaubt, dass der Gebrauch des Arabischen und die Verweigerung ihrer Modernisierung den geistigen Zustand der arabischen Gesellschaften reflektieren:

As in the case of English, Arabic can be whatever its speakers want it to be. It is mostly a reflection on the state of mind of those who speak it. There may be some truth in the suggestion that in order to breathe badly needed life into the Arabic language, we have to change the vision of its speakers.


Ata zitiert das überaus harsche Urteil des bekannten neokonservativen Arabo-Amerikaners Foud Ajami[4], der den intellektuellen Output in der Arabischen Welt der letzten 800 Jahre als "dead stuff written in a dead language" bezeichnet:

This shallow, pompous, and stilted Arabic language, a language that has become an aim in and of itself (rather than a means of communication), has provided both ablution and excuses for the Arabs, allowing them both to ward off their impotence and run away from it.


Ich mag mich diesem vernichtenden Urteil nicht anschliessen, weil ich es in dieser Pauschalität für nicht vertretbar halte, aber das Einfrieren des arabischen Sprachstandards spiegelt offensichtlich den gesellschaftlichen Zustand in der Arabischen Welt wider – mag man es bewerten wie man will. Nizar Qabbani, ein syrischer Diplomat und Dichter, nennt das Arabische "the language of abuse and insults" (zit. nach Abe). Auch diesem Urteil schliesse ich mich nicht an, denn hier scheint sich mehr eine Art von Selbsthass zu manifestieren als eine ernstzunehmende Analyse. Dagegen halte ich die Annahme Qabbanis, dass Arabisch "eher ein Instrument der Unterhaltung denn ein Medium der Übermittlung von Gedanken und Informationen" sei, zumindest für diskutabel. Dass dieser Konservatismus direkt mit der Religion des Islam zusammenhängt, Salah Stétié:

Ich liebe die arabische Sprache und halte sie, in Anlehnung an meinen Orientalistik-Professor Louis Massignon, vielleicht für die älteste Sprache der Welt. Je älter eine Sprache ist, desto schwieriger und komplizierter ist ihre Grammatik. Arabisch zählt zu den schwierigsten und kompliziertesten Sprachen. Diese gewaltige Sprache bestand bereits vor dem Koran, und berückende Kleinode der Dichtkunst sind in ihr entstanden wie z.B. die Mu'allaqat.

Nachdem der Koran herab gesandt worden war, kam es zu einer Neuerung in der mohammedanischen Botschaft: Man distanzierte sich von der Dichtkunst, mehr noch, man verurteilte sie. Es ist doch merkwürdig, welche Bedeutung dem Dichter in der alten arabischen Welt beigemessen wurde, sogar in einem göttlich inspirierten Buch. Es widmet ihm gar eine ganze Sure, "Die Dichter".

So viel Aufmerksamkeit – unter Berücksichtigung der historischen Unterschiede – kam der Dichtung zuvor in einer anderen Kultur nur bei Sokrates zu, und Platon, sein Tradent, greift den Dichter an, verbannt ihn aus der Stadt und stellt ihn außerhalb seines Gesetzes.

Allerdings unterscheidet sich die Begründung im Koran von der Platons und Sokrates'. Der Koran will dem Dichter die Sprache verbieten, weil er meint, der Dichter unterwerfe sie der Verzauberung, er mache aus ihr ein betörendes Gespinst, indem er die Worte nicht gebrauche, um die Wirklichkeit der Dinge zu beschreiben. Ein Zauberer sei er, der Lüge in die Sprache bringe, der in die Worte den Gehalt eines verheißungsvollen Traums lege, um sie von innen heraus zu verderben.

So sei die Sprache nicht Dienerin der Wahrheit, sondern befördere Lüge und Heuchelei. Und da er sich so weit von der Wahrheit entfernt, ist der Dichter der Feind der Wahrheit.


Natürlich haben sich spätere Fürsten in der arabisch-islamischen Welt nicht an diese Sichtweise gehalten. Aber der Koran zementierte als sprachliches Ideal den Schriftstandard. Auf die Frage, warum er selbst denn auf Französisch schreibe, antwortet Stétié:

Bei allem Respekt vor der arabischen Sprache – sie ist einfach nicht auf dem Stand der heutigen Zeit. Ich als Dichter muss entweder eine Sprache innerhalb der arabischen schaffen, um die Entwicklung des arabischen Menschen, der ich bin, widerspiegeln zu können, oder ich bediene mich einer fremden Sprache.

Viele Schriftsteller bevorzugen das Arabische und sind ständig damit beschäftigt, den Wörterkanon nach ihren Bedürfnissen zu ändern. Nagib Machfus' Sprache zum Beispiel steckt voller Fehler, wenn wir uns an den Maßstäben des frühen Grammatikers Sibawayh orientieren. Hätte Machfus diese Fehler nicht gemacht, hätte keiner ihn gelesen, keines seiner Bücher wäre übersetzt worden. Er ist ein Mahnmal der Entwicklung der arabischen Kultur der Gegenwart.


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