Wir sind umgezogen!

Donnerstag, 9. November 2006

Denken und Gedenken

Heute jährt sich die so genannte Reichspogromnacht zum 68. Mal. Am 9. November 1938 wurden in Deutschland durch einen von SA-Truppen angeführten Mob nahezu alle Synagogen in Brand gesetzt, mehr als 7.500 jüdische Geschäfte zerstört, Juden durch die Straßen gejagt und etwa einhundert von ihnen ermordet; 30.000 wurden darüber hinaus verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau deportiert. In vielen deutschen Städten gibt es deshalb alle Jahre wieder Gedenkkundgebungen. Daran ist grundsätzlich gewiss nichts Schlechtes, doch die Sache hat einen veritablen Haken: In Deutschland pflegt man zwar die Solidarität mit toten Juden; mit den lebenden jedoch hat man für gewöhnlich nur dann kein Problem, wenn sie als Kronzeugen gegen Israel zu gebrauchen sind. Denn das allfällige „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ richtet sich längst schon gegen den jüdischen Staat, und deshalb treibt es just heute wieder nicht zuletzt diejenigen auf die Straße, die in Israel die Reinkarnation Nazideutschlands sehen und mit ihrer Teilnahme an einer der zahlreichen Mahn- und Erinnerungsveranstaltungen das moralische Recht zu erwerben trachten, umso ungehemmter gegen „israelischen Staatsterrorismus“ und „zionistische Besatzungspolitik“ zu Felde ziehen zu können.

Wirklich neu ist das nicht: Vor genau 37 Jahren wurde im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße in Berlin eine Bombe deponiert, die nur wegen eines rostigen Drahtes nicht explodierte. Verantwortlich für diesen gescheiterten Anschlag war die militant linksradikale Gruppierung Schwarze Ratten/Tupamaros Westberlin, die ihr Vorhaben so rechtfertigte: Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem US-Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.“ Sprengsätze bastelt man inzwischen eher nicht mehr; das Gedankengut der Schwarzen Ratten jedoch wird mittlerweile von zwei Dritteln der Deutschen geteilt: jenen nämlich, die Israel unterstellen, einen „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ zu führen.

Aber auch dort, wo man das nicht so sieht oder zumindest nicht ausspricht, mag man die einzig richtige Konsequenz aus der Reichspogromnacht in der Regel nicht ziehen: die Solidarität mit Israel nämlich, dem Staat der Überlebenden der Shoa, der die zu spät gekommene Notwehr gegen den Antisemitismus ist und daher umso nachdrücklicher verteidigt werden muss. Ein Beispiel für eine solch folgenlose Erinnerung an den 9. November 1938 ist derzeit in Bonn zu beobachten, wo sich anlässlich des Jahrestages dieses Ereignisses ein Bündnis zusammengefunden hat, das eine Veranstaltungsreihe sowie eine Kundgebung organisiert. „Gedenken verteidigen“, heißt die Handlungsmaxime dieser Allianz diverser linker Kleingruppen, doch gegen – oder für – wen oder
was sie ihren Abwehrkampf führt, wird bestenfalls phrasenhaft angedeutet: „Nur wenn Erinnerung wachgehalten, Opfern gedacht, TäterInnen benannt und der Widerstand gewürdigt wird, kann Antisemitismus heute wirkungsvoll entgegengetreten werden“, heißt es im Aufruf des Zusammenschlusses so pflichtschuldig wie nichtssagend, bevor man doch noch mühsam konkreter wird und sich gegen die „Relativierung [von] Verbrechen, die die Bombardierung Dresdens und deutsches ‚Vertriebenenleid’ in den Vordergrund deutscher Vergangenheitsbewältigung rückt“, ausspricht, ohne dass es den Verfassern auffallen würde, dass die Deutschen ihre nämliche Vergangenheitsbewältigung in Form von institutionalisiertem und ritualisiertem Gedenken längst zum Standortvorteil gemacht haben und deshalb die Berechtigung erworben zu haben glauben, mit dem Finger auf andere zu zeigen und sich selbst zu betrauern.

Noch 61 Jahre nach der Befreiung der Konzen
trationslager werden TäterInnen geehrt, Widerstandsgruppen hingegen als kriminelle Banden diffamiert und Opfern ein angemessenes Gedenken verweigert“, behaupten die Bonner darüber hinaus – und übergehen dabei geflissentlich beispielsweise die Rede des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, in der er sagte: „Der Tod der Millionen, das Leid der Überlebenden, die Qualen der Opfer – sie begründen unseren Auftrag, eine bessere Zukunft zu schaffen. [...] Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, an Krieg, Völkermord und Verbrechen ist Teil unserer nationalen Identität geworden. Daraus folgt eine bleibende moralische und politische Verpflichtung.“ Schröder hat also keineswegs Widerstandsgruppen „als kriminelle Banden diffamiert“ und den Opfern ein „Gedenken verweigert“ – er hat sie bloß als moralisches Kapital vereinnahmt, um im Kosovo ein „neues Auschwitz“ entdecken und in Bagdad die Wiederkehr von Dresden sehen zu dürfen. Das hätte unter anderem Gegenstand der Kritik zu sein – doch das ist nicht gemeint, wenn die Bündnisbonner „Gedenken verteidigen“ fordern und bei ihnen in Vorträgen, [einem] Konzert, [einer] Ausstellung und einer Kundgebung am 9. November 2006 [der] Opfer gedacht, Erinnerung wachgehalten und Antisemitismus angeprangert“ wird. Denn Hauptsache ist, es tut niemandem weh.

Was die eigentlichen Schlussfolgerungen aus dem 9. November vor 68 Jahren z
u sein hätten und was es sonst noch an der Veranstaltungsreihe des Bündnisses zu kritisieren gibt, weiß eine Antifa-Gruppe aus der ehemaligen Bundeshauptstadt, die sich Never Again nennt und in einem Flugblatt Stellung bezieht. Ihr Papier, das noch nicht im Web zu lesen ist, sei daher im Folgenden dokumentiert.

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