Wir sind umgezogen!

Sonntag, 5. November 2006

Abwanderer und Asylanten

Wenn ich mir die Meinungen deutscher Geistesgrößen manchmal so durchlese, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Vor gut einer Woche fiel dem DIHK-Präsidenten Braun plötzlich auf, das 145.000 Deutsche das Land verlassen haben und weiß auch sofort wer an der Misere Schuld ist. Natürlich die Politiker, so beklagte er, "hohe Steuern und Sozialabgaben. Auch „Defizite in der Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur“ bildeten im Vergleich zu europäischen Nachbarstaaten erhebliche Standortnachteile." Man kann Herrn Braun empfehlen, er sollte sich doch erst einmal Schlau machen, bevor er seinen Nonsens in die Gegend bläst. Ich bekomme regelmäßig die Statistiken von der europäischen Gemeinschaft -die kann man als Newsletter beantragen, keine große Sache- und wenn ich mir die Steuerbelastung anschaue, dann liegt Deutschland eher im Mittelfeld. Was die Sozialabgaben betrifft so lagen diese 1998 bei 42,1% ohne das jetzt Herr Braun da großartig was zu gesagt hätte. Das die Abgaben sinken müssen ist natürlich keine Frage, aber wenn sich die Lobby zu Wort meldet, dann stellen sich bei mir immer die Nackenhaare auf, denn ausgerechnet jene melden sich zu Wort, die so innovativ wie die Bahnschwellen sind und ergehen sich in einem Sermon, den man schon nicht mehr hören kann. Ob nun die Forderung nach mehr Greencard, die Einführung einer Politik "frühkapitalistischer Prägung" oder am besten gleich die Abschaffung des gesamten Systems. Nichts wird ausgelassen.

Mir sind ehrlich gesagt viele Unternehmer ein Grauen, denn oft genug habe ich so innovative Ideen gehört wie, "das haben wir vor 30 Jahren schon so gemacht und sind damit prima gefahren, warum sollen wir das also ändern." Aber auch die Politik in diesem Land ist oft genug zum Haareraufen. Innovative Ideen, oder junge Leute die etwas bewegen möchten scheitern oft genug im Behördendjungel und an Gesetzestexten, die noch vom Kaiser unterschrieben wurden und damit meine ich nicht Franz Beckenbauer.

Herr Braun sollte sich vielleicht auch mal fragen ob Hochschulabsolventen gerne ein Pratika nach dem anderen machen und trotzdem keine Stelle bekommen , oder nach ihrem Studium zur ARGE gehen, weil Herr Braun und andere lieber Absolventen aus Kasachstan hätten, oder im Falle von Informatikern, diese gerne als Dipl. Informatiker im Alter von 22-25, die dann nach Möglichkeit für das Gehalt eines indischen Hochschulprofessors arbeiten, während deutsche Informatiker dem Werben von US-Firmen nachkommen und ihr Wissen im Ausland zur Verfügung stellen. Ich kenne auch eine Architektin die insgesamt 10 Praktikas absolvierte, wobei ein Praktikum während des Studiums ja nicht verkehrt ist, aber nach dem Studium wohl völlig daneben. Ein Arbeitgeber war sogar so freundlich ihr ein Projekt zu übertragen und das als eigene Idee auszugeben. Der Lohn für sie war eine Flasche Aldisekt und ein Blumenstrauß verbunden mit den besten Wünschen. Mittlerweile hat sie sich auf Ich-AG selbständig gemacht, da sie kein übersteigertes Bedürfnis fühlte sich bis zur Rente mit Praktikas durchzuschlagen in der Hoffnung mal eine Stelle zu bekommen.

Nicht nur die Politik, sondern auch die Unternehmen müssen sich mal an die Nase fasen und sollten nicht darüber lamentieren das es ein Armutszeugnis ist, wenn Deutschland nicht nur Exportweltmeister ist, sondern auch noch Fachkräfte exportiert und darin bald auch Exportweltmeister ist, weil einige lieber in Portugal arbeiten würden, statt in Deutschland. Und so verlassen dann laut Dunkelziffer 250.000 motivierte das Land.

Statt nun aber das zu kompensieren, denn zu einem Umdenken reicht es in diesem Land nicht, denkt man über Einwanderungsquoten nach. Mal abgesehen davon, das wohl kaum jemand in einem Land arbeiten möchte, wo die Quote bei knapp 10% liegt und es Gegenden gibt, wo man als "Dunkeldeutscher" nach Möglichkeit sich nicht auf der Straße zeigen sollte, schiebt man lieber Asylanten nach 15 Jahren ab, anstatt sich mit den Lebensläufen dieser Menschen zu beschäftigen. Die Asylanträge und Asylantenzahlen sind eh schon rückläufig, aber ich könnte wetten, daß unter den in Deutschland lebenden Asylanten mit Sicherheit genügend Fachkräfte sind, die entweder in einem Asylantenheim dahin dämmern, weil es nun mal Gesetze gibt nach denen sie nicht arbeiten dürfen, oder wenn sie arbeiten dürfen einer Tätigkeit nachgehen, die unter ihrem geistigen Horizont liegt. Ich habe unter diesen Leuten genügend Menschen getroffen mit denen man locker einen kompletten Staat aufbauen konnte, oder halt auch eine Firma.

Vor 16 Jahren war ich mal als Abteilungsleiter tätig und habe völlig unverbindlich unter meinen "Beutearbeitern" rumgefragt wer, was ist. Ich hatte einen Professor für Wirtschaftswissenschaften aus Nigeria, der auf Grund seiner politischen Aktivitäten gegen das Militär fliehen mußte. Einer war Verwaltunsgspezialist aus Sri Lanka und wurde vom Militär zum Spaß ein paar Mal scheingehängt, weil er als Tamile natürlich per se verdächtig war. Dann hatte ich einen Französischleher aus Kamerun der danach zur Post ging, einen Englischlehrer aus Simbabwe, ein paar Ingenieure in diversen Disziplinen aus Äthiopien, Eritrea, Somalia, Birma. Zwei Chinesen und Vietnamesen die während ihres Studiums flüchten mußten. Ach ja und einen der als Wäscher eingestellt wurde, sich als Doktor der Philosophie entpuppte und mich beim Schach regelmäßig schlug. Hinzu kam ein Iraqer, ein Iraner und ein Pakistaner, der mit einem Afghanen ein Team bildete. Und wenn ich mir dann die Lebensläufe derer anschaue die in Ceuta, Melija, oder den Kanaren und Lampedusa in Lagern dahinvegetieren in der Hoffnung die Feste Europa zu erreichen, dann würde ich der Politik empfehlen diese Leute zu durchleuchten und in''s Land zu holen. Dann braucht es keine Kampagnen, keine Schlagworte und keine Schuldzuweisungen, denn wer mit einer Nußschale versucht über das Meer zu kommen und sogar bereit ist dafür zu sterben, ist wohl Beweis genug das unser Wertesystem für manche immer noch einen Maßstab bildet. Und es ist wohl völlig wurscht ob jemand schwarz, weiß, grün, blau oder kariert ist. Europa ist ja auch aus unterschiedlichen Menschen entstanden, allein der deutsche Flickenteppich wurde immer von Verfolgten aufgefrischt und irgendwie finde ich das gut so, auch wenn es die "Blut und Bodenarier" um den Verstand bringt würde ich es sehr begrüßen wenn wir diese Leute bei uns aufnehmen, dann können sich auch Herr Braun und die Politiker zurücklehnen.

Wir brauchen eine Offene Gesellschaft und wir brauchen weniger Politik und weniger Leute wie den Herrn Braun. Wir brauchen mehr Markt, mehr Freiheit und mehr Menschen die diesen Staat gestalten.
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